Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Belhagen und Klasing's Monatshefte [Rezension]
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 276 (sequence 3)
- Language
- German
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«78 3m deutschen Reich. wahrlich kein Judenblatt, schreiben geradezu: „Zu einer Gesundung unseres Parteiwefens können wir nur kommen auf dem Wege der reinen Interessenvertretung." — Sie sehen also, geehrter Herr, in solchen Kreisen Ihrer Glaubensgenossen, die sich ganz „judenrein" gehalten haben, nach ihrem eigenen Zugeständnis; das Streben nach materiellem Besitz als führende Macht. — „Wenn uns hatt die Juden keine Mendelssohn und Herz, keine Neander, Stahl, tzerschel u. s. w. mehr bescheeren.. so ist das der beste Beweis, das; sich innerhalb deö JudenthumS eine Wand lung zum Schlimmeren vollzogen hat." Was würden Sie dazu sagen, wenn jemand daraus, das; tuir heut keinen Alant oder sichte, keinen Lessing oder Goethe haben, einen Verfall deü Christenthums beweisen wollte? Sie würden eine solche Schlußfolgerung gewiß weit abweisen, vielleicht gar lächerlich finden. — Wenn also auch wirtlich viele Juden die Jagd muf) Besitz rniimachen, so ist das eben der Zug der Zeit, dem auch viele Christen folgen Ziehe oben). Aber „führende stacht im Judenthum" ist das Strebe!; nach materiellem Besitz nie gewesen, konnte es auch nie sein. Niemals hat die Zugehörigkeit zu unserem Glauben materielle Vorlheile oder Bevorzugung irgend ivelcher Art eingetragen, aber so wie früher weder rohe Gewalttlchiigkeitm und Ausplünderungen noch Scheiterhaufen und Inquisition die treue Anhänglichkeit an die Religion der Väter und den idealen Sinn im Juden thum ertödten konnten, ist Jeder, der trotz aller Zurücksetzungen „im Verwaltungswege", trotz der Ausschließung von den angesehensten und einträglichsten Aemtern in; Staate, trotz aller gesellschaftlichen und geschäftlichen BoykottirungSversuche Jude bleibt, ein lebendiger Protest gegen; Ihre Behauptung. An einer dritten Stelle wird aus dem besprochenen Roman die That eines evangelischen Geistlichen erwähnt, der einer arn;en Judenfrau zwanzig Mark schenkt, und daran knüpft Reeensent die Bemerkung: „Nach orthodoxer wie nach liberaler christlicher Lehre ist Mildthätigkeit eine Christenpflicht, die ohne Rücksicht auf die Religion ausgeübt wird. Nur die mosaische Religion macht in dieser Beziehung einen Unterschied darin, wie der Jude den Glaubensgenossen und den Andersgläubigen zu behandeln habe." Man muß in der That, wie Herr v. Szez. es von sieh bekennt, den Antisemitismus als Steckenpferd reiten, um diese Behauptung heut noch einem gebildeten Leserkreise gegenüber zu wagen. Soll ich die tausendmal angeführten und Jeden;, der cs wissen mit!, wohl bekannten Steller; wieder anführen?. 2. B. Mos. 12, 49: Ein Gesetz soll sein für den Eingeborenen und den Fremdling, der in eurer Mitte sich aufhält. 3. B. Mos. 19, 34: Wie der Eingeborene unter euch, sei der Fremde, der bei euch weilt; rznd du sollst ihn lieben wie dich selbst.