Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Belhagen und Klasing's Monatshefte [Rezension]
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 275 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau. 275 <mf dem „28. Kongreß für innere Mission" gesprochen wurden von dem streng christlichen Professor Sohm: „Die Fragen des öffentlichen Lebens - . . werden durch das Christenthum nicht gelöst. Es giebt keine christliche soziale Ordnung." Und im Januar 1831 sagte der englische Staatsmann und Geschichtsschreiber Macaulay: „Wir hören von wesentlich protestantischen, von wesentlich christlichen Staaten reden, Ausdrücke, die gerade so viel Sinn haben, wie eine wesentlich protestantische Kochkunst oder eine wesentlich christliche Reitkunst. Staaten sind dazu, um den Frieden aufrecht zu erhalten . . Weshalb Jemand weniger zur Ausübung eines solchen Rechts (des Antheils an den staatlichen Aemtern) passen sollte, weil er keinen Schinken ißt oder weil er Sonnabends in die Synagoge geht anstatt Sonntags in die Kirche, das ist uns unbegreiflich." — Und wo steckt denn dieser „jüdische Einfluß"? Ist die Zahl der Juden von Belang im Reichstage oder im Landtage, unter den Gymnasiallehrern oder Universitätsprofessoren, unter den Richtern oder Staatsanwälten, den Regierungsräthen oder Offizieren? Phrase, nichts als inhaltslose Phrase! Was an einer anderen Stelle Herr v. Szcz. sagt: „Dieses Streben mach materiellem Besitz und Intoleranz gegen Alle, denen dieses alleinige Streben verwerflich erscheint, sind die augenblicklich führenden Mächte im Judenthum" gehört zum eisernen Bestände des antisemitischen Phrasenschatzes und hat den Vortheil aller allgemein gehaltenen Behauptungen, es bietet nicht recht eine Handhabe zur Widerlegung. Aber wenn sich der Herr Verf. auch einmal außerhalb des Judenthums umsehen wollte, so könnte er sehr leicht in weiten Kreisen seiner Glaubensgenossen dasselbe Streben nach materiellem Besitz als „führende Macht" finden. Die gut christlichen imb königstreuen Agrarier drohen, Sozialdemokraten zu werden, wenn der Staat ihnen nicht hohe Getreidepreise auf Kosten der übrigen Bürger verschafft. Die ihnen politisch nahestehenden Handwerker verlangen Zwangsinnungen und mittelalterliche Privilegien, um sich eine Konkurrenz fern zu halten, die im Zeitalter der Dampfmaschinen naturnothwendig entstehen mußte. Auch hier herrscht das Streben, den Ertrag der eigenen Produkte mit Hülfe der Gesetzesmaschine in die Höhe zu schrauben. Ist das nicht Streben nach materiellein Besitz?" — Die „Deutsche Tagesztg." des Bundes der Landwirthe schreibt zum Bußtage: „Jeder Einzelne, jede Partei, jede Gruppe, jeder Volkstheil will sich selbst. Wir haben alle verlernt, uns unterzuordnen und einzuordnen, uns hinzugeben. Die Treue ist von den Gassen gewichen, die Selbstsucht führt allenthalben das große Wort. Und aus der Selbstsucht heraus wächst die Habsucht, die in der tollen Hatz nach dem rothen Golde den Nächsten überrennt . . . ." — Die „Grenzboten", doch