Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 258 (sequence 8)
- Language
- German
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258 3m deutschen Reich. Phäakenstadt vorherrscht, fühlt sich dort nur noch der Fanatiker oder der Janhagel behaglich. Die Stimmung in den Wiener freisinnigen Kreisen schilderte die „Voss. Ztg." treffend mit den Worten: „Es ist gewiß kein erbauliches Schauspiel, einen Mann von der widerwärtigen Eigenart eines Lueger an die Spitze der reichshauptstädtischen Verwaltung gestellt zu sehen, aber im Grunde ist es ganz gut, daß die Wiener die Suppe, die sie sich mit ihren Gemeinderathswahlen eingebrockt haben, auch bis zum letzten Rest auslöffeln." Daß es dazu nicht gekommen ist, dürste von vielen Juden beklagt werden. "Nachdem die Antisemiten in den ersten Novembertagen die falsche Nachricht verbreitet hatten, daß Kaiser Franz Joseph die Wahl Lueger's zum ersten Bürgermeister Wiens bestätigt habe, mußte die kaiserliche Entschließung, die Bestätigung zu versagen, auf die Anhänger Lueger's einen besonders verblüffenden, tiefen Eindruck machen, trotzdem vorher bekannt war, welchen Standpunkt der Minister Graf Badeni zu dieser Frage eingenommen hatte. Das als ministerielles Organ geltende „Wiener Fremdenblatt" schrieb: „Lueger habe von einem Siege der Christen über die Feinde gesprochen. In einer Gemeinde dürfe es aber keine Feinde gebe n, s o n d e r n nu r g l e i ch b e r e ch t i g t e B ü rg e r, wenn sie auch durch verschiedenartige Anschauungen getheilt sind." Graf Badeni war übrigens freimüthig genug, am 8. "November im österreichischen Abgeordnetenhause zu erklären, die "Nichtbestätigung Lueger's sei erfolgt, damit die Residenz Wien nicht mit einer Bevölkerung voll l\/4 Million in unberufene Hände gelange. Das Votum der Majorität der Bürger Wiens könne nicht berücksichtigt werden, sobald die erforderliche Bürgschaft für eine streng objektive Führung der Verwaltung nicht außer allen: Zweifel stehe. Der Ministerpräsident verwahrte sich entschieden gegen das Ansinnen, als wäre die Regierung irgend einem Drucke seitens der ungarischen Regierung oder seitens irgend einer Partei des Parlaments ausgesetzt gewesen. Diese muthvolle Sprache des österreichischen Ministerpräsidenten, sowie die Zustimntung seiner Ministerkotlegen verfehlten nicht, den gewünschten Eindruck zu machen. Die antisernitischen Dringlichkeitsanträge, welche verlangten, die Regierung solle sich wegen der nach der Wiederwahl Lueger's erfolgten Auflösung des Wiener Gemeinderaths rechtfertiget:, wurden von der Mehrheit des österreichischen Abgeordnetenhauses abgelehnt und die in diesem Hause, sowie außerhalb desselben von den wulhentbrannten Anhängern Lueger's danach verübten rohen Skandale bedeuteten keineswegs, wie die „Tägl. Rundschau" zu behaupten wagte, eine moralische Niederlage der österreichischen Regierung. Wie man jetzt über dieses Treiben in den konservativen Kreisen Wiens denkt, beweist die Aeußerung des „Vaterland": „Wer noch Sinn für Anstand und Sitte hat, wer irgend sich zu