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Im deutschen Reich · 1895-11-01 · Heft 5 (November 1895) · p. 257

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 5 (November 1895)
Article
Umschau
Date
1895-11-01
Page
257 (sequence 7)
Language
German
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Umschau. 257 Antrages Lutz und Genossen im bayerischen Landtage gcthan. Er warf nichtsdestoweniger der Regierung vor, gegen das orientalische Raubritterthum nicht energisch genug anzukämpfen, und drohte, daß wenn man die jetzigen Zustände sich einnisten lasse, Verhältnisse wie in Wien geschaffen würden. Wenn der Antrag Lutz, der im Gesetzentwurf über den unlauteren Wettbewerb Bestimmungen über eine höhere Besteuerung der sogenannten Waarenhäuser, Bazare, Central- und Filialgeschäste eingefügt haben will, mit großer Stimmenmehrheit Annahme fand, war dies kaum dem Eindruck der Ratzinger'schen Rede zuzuschreiben, sondern der Mißstimmung der kleineren Gewcrbtreibenden gegen die übermächtige Konkurrenz der Massengeschäste. Daß derartige große Bazare in London und Paris längst existinen und dort wie auch in mehreren deutschen Großstädten (Dresden u. a. O.) fast ausschließlich in christlichen Händen sind, beweist schon hinreichend, daß eine höhere Besteuerung derselben mit der Judenfrage nichts zu schaffen hat. Man sollte aber auch dort, wo solche Riesengeschäfte, wie z. B. die Tietz'schen Bazare in Bayern, in jüdischen Händen sind, nicht übersehen, daß Niemand mehr unter dieser scharfen Konkurrenz leidet, wie gerade zahlreiche jüdische Kleinhändler, deren Kampf um das Dasein in vielen Fällen ein weit härterer ist, als derjenige fachkundiger .Handwerker. Tie Ratzinger'sche Drohung mit Wiener Zuständen wird wohl keine deutsche Regierung einschüchtern. Jeder Staat hat die Antisemiten, die er verdient, die er selbst großgezogen hat. Denjenigen Regierungen, welche sich der judenfeindlichen Bewegung als einer Handhabe gegen den Liberalismus bedienen zu können glaubten, oder durch dieselbe die Mißstimmung über den durch falsche Maßnahmen verursachten wirthschaftlichen Niedergang auf die Juden ablenken wollten, sind die Verlegenheiten zu gönnen, welche ihnen die Antisemiten vom Schlage der Herren Lueger, Steiner, Schneider, Geßmann, Deckert und Consorten bereiten. Das Mittel, die Juden als Prügelknaben zu gebrauchen, zieht heute nicht mehr, weil jetzt fast allgemein der Grundsatz gilt, daß dem Sieger die Beute gehöre. Wir haben bereits im .Heft 4 dieser Zeitschrift crtlärt: „Für die Wiener Juden ist es ziemlich gleichgültig, ob im dortigen Rathhause mattherzige Freunde oder entschiedene Gegner walten, wogegen es dem Minister Graf Badeni schwer fallen dürste, denselben Dr. Lueger als Bürgermeister Wiens zu bestätigen, der den Ausgleich mit Ungarn wiederholt verunglimpfte und auch künftig bekämpfen würde." Daß sich, wie einzelne Berliner Antisemitenblätter versicherten, die Wiener Juden nach der Wahl Luerger's zum Bürgermeister unbehaglicher gefühlt als vorher, ist durchaus unzutreffend. Seitdem diese Strömung in der ehemals so harmlosen

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