Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 253 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschatt. 253 Nicht nur das genannte Organ der Agrarier, sondern auch das christlichsoziale Blatt „Volk" hatte einen Besuch des Freiherrn von Mirbach bei dem Sozialdemokraten Singer in maßloser Weise getadelt. Dies veranlahte den Oberhofmeister der Kaiserin, als er in dem Majestätsbeleidigungs- Prozeß gegen Dierl und Genossen eine Zeugenaussage erstattete, Stöcker's „Volk" öffentlich als „ein sehr bösartiges Blatt" zu bezeichnen und u. A. von „hochanständigen Juden" zu sprechen. Das Letztere scheint .Herrn Karl Sedlatzek, der, nach einer Mittheilung der „Allg. Ztg. des Judenthums", der Bruder des Breslauer Halsabschneiders Fritz Sedlatzek ist, besonders geärgert zu haben, da derselbe in seinem „Deutschen General-Anzeiger" (Nr. 92 vom 17. November) sich darüber bitter beschwert und schließlich an den Kaiser selbst folgende naive Aufforderung zu richten wagt: „Die Judenfreunde aber in Deiner Umgebung, die hcbräisirten .Hofschranzen und die Mirbach's und Kohnsorten jage hinweg von den Stufen Deines Thrones und wähle Dir grade, aufrechte deutsche Männer aus dem Volk zu Deinen Berathern und Adjutanten!!" Verschiedene Freisprechungen haben Herrn Karl Sedlatzek so kühn gemacht, daß er in einem „Das 500jährige Hohenzollern-Jubiläum und die Alliance israölite" überschriebenen Artikel eine ähnliche Sprache führte, welche zur Einleitung eines Strafverfahrens wegen Majestätsbeleidigung Veranlassung gab. Nach den eigenen Angaben Sedlatzek's ist besonders der Satz infviminirt, in welchem „das neuerliche christlich-fromme Wirken der jüdischen Hochfinanz als verschleiertes Mittel hingestellt wird zur Verhinderung gesetzgeberischer Maßnahmen gegen das Judenthum." Bei der Verhandlung der 4. Strafkammer des Berliner Landgerichts I gegen kn Redakteur des antisemitijchen „Deutschen Michel", Kac! Kern, wies Staatoamualt Stachow 1 mit Recht darauf hin, daß die Majestätsbeleidigungen in letzter Zeit in erschreckender Weise an Zahl und Deutlichkeit zunehmeu, daß es noch vor gar nicht langer Zeit fast undenkbar schien, Handlungen des Kaisers in solcher Weise zu fvitifivcn, wie es jetzt so häufig geschehen, und gegen Mitglieder des Königshauses solche Seilenhiebe auszutheilen, wie es in dem Artikel des „Deutschen Michel" geschehen sei. In diesen, „Monarchen-Diner bei Cohn u. Rosenberg" überschnebenen Artikel wurde die Thatsache persiflirt, daß der Prinz von Wales und die Kaiserin Friedrich zu einem Diner bei bem Varon Rothschild erschiene!, seien und nach dem Diner im Garten des Freiherrn einen Baun, gepflanzt haben. Der Gerichtshof naljm eine Beleidigung der Kaiserin Friedrich für vorliegend an und verurtheilte den Angeklagten zu zwei Monaten Festungshaft. Die fortgesetzte Verquickung von Religion und Politik hat so eigenthümliche Blüthen gezeitigt, daß die aufmerksa,neren Beobachter es jetzt ^ür ihre Pflicht erachten, sich gegen das Gebahren zu ermannen, welches sehr 18