Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 252 (sequence 2)
- Language
- German
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252 Im deutschen Reich. Disziplinarverfahrens verfügt habe. Da solches Verfahren, wenn die Disziplinarbehörde den Angeklagten schuldig sprechen sollte, nur mit der Aberkennung des Titels „Hofprediger a. D." endigen könnte, sei Herrn Stöcker der Wink gegeben worden, sich bis auf Weiteres aller kirch-- lichen Funktionen zu enthalten. Die wiederholten Audienzen, dir der Präsident des Oberkirchenrathes, Barkhausen neuerdings beim Kaiser hatte, werden mit dieser Angelegenheit in Verbindung gebracht. Zu der weiteren Mittheilung, das; Stöcker bereits das Predigen eingestellt habe, bemerkte das „Volk": „Stöcker hat seit seiner Rückkehr aus Bayern an jedein Sonn- und Feiertage mit Ausnahme eines einzigen Sonntags in der Stadtmissionskirche gepredigt. Das stimmt allerdings —- Stöcker mühte nicht er sein, wenn er freiwillig auf seinen Titel verzichtete, zumal Alles was bisher vorgekommen ist, einzelne konservative Kreise nicht verhindert hat, sich noch inuner des Mannes anzunehmen, welcher ihre Partei auf eine höchst verhängnißvolle Bahn leitete. So hat noch z. B. der in Nürnberg abgehaltene deutsch-konservative Parteitag am 8. November auf Veranlassung des Landtagsabgeordneten Beikh eine Vertrauenskundgebung für Stöcker einhellig angenommen. Im konservativen Lager wurden aber auch zahlreiche Stimmen laut, welche diesen ehemaligen Genossen rückhaltlos verdannnen. Als vor Kurzem die agrarische „Deutsche Tageszeitung" äußerte, Stöcker habe, selbst da, wo er irrte oder ein bedenkliches Mittel wählte, das Beste gewollt, bemerkte Major von Arnim in Lhariottenburg in einenr an die „Berl. Neuesten Nachrichten" gerichteten Schreiben: „Dieser Sah bedeutet nichts Anderes als: der Zweck heiligt die Mittel, und eben die Anwendung dieses Satzes durch Herrn Stöcker kann ich nicht anders als für absolut verwerflich halten. Ohne .Herrn Stöcker in seiner rhatigkeit aus der Kanzel und in der Stadtmission irgendwie zu nahe treten zu wollen, nurß ich aussprechen, das; er sich durch seinen letzthin bekannt gewordenen Brief selbst gerichtet hat. Wenn in irgend einen! gesellschaftlichen Verhältnis; Jemand hinterrücks gegen einen Dritten intriguirt und dabei abgefaßt wird, so ist er in der guten Äesellschaft fernerhin unmöglich. Wenn Aehnliches aber ein Zwerg gegen einen Riesen unternimmt, ein Stöcker gegen einen Bismarck, so ist er für mich und hoffentlich für recht viele meiner konservativen und den anderen staatserhaltenden Parteien angehörenden Mitbürger nicht nur moralisch gerichtet, sondern auch der Lächerlichkeit verfallen, (ro scheint mir an der Zeit, daß diese Auffassung endlich einmal klipp und klar ausgesprochen wird." In demselben Briefe wies Herr von Arniln einen gegen den Oberhofmeister von Mirbach gerichteten heftigen Angriff der „Deutschen Tageszeitung" als unbegründet zurück.