Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Im Verwaltungswege
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 249 (sequence 4)
- Language
- German
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Im Verwaltungswege. 24» die Gefammtheit der deutschen Juden sich energisch dagegen verwahrt, daß man ihre Glaubensgenosien für unwürdig hält, an der Erziehung der Jugend thätigen Antheil zu nehmen? Bon- Seiten der zuerst in Frage Kommenden begreift sich das Verstummen leicht. Sie scheuen sich, das Wohlwollen der maßgebenden Kreise (Lehrerkollegien rc.), die ihnen in ihrem Fortkommen behilflich sein können, vollständig zu verschlagen. Das ist kein übermäßig hoher Standpunkt, doch diejenige Charaktergröße, die aus idealen Rücksichten den kleinen persönlichen Vortheil in die Schanze schlägt, ist nicht häufig anzutreffen, zumal auch oftmals zwingende Verhältniffe, z. B. die Nothwendigkeit, für Andere mitzusorgen, den Lehrern solches Verhalten vorschreiben und darf man ihnen darum nicht zürnen. Anders aber verhält es sich mit der großen Maffe der Juden. Sie alle sind in ihren heiligsten Rechten, in ihrer Qualität als sittlich vollwerthige Menschen bedroht und verhalten sich demgegenüber fast theilnahmloS. Der Zedlitz'sche Volksschulgesetzentwurf wollte die Schule den Geistlichen wieder in die Hände spielen; wie ein Mann erhob sich dagegen Alles, was auf freie und unabhängige Denkart Anspruch macht. Mancher Jude stand damals in der ersten Reihe der Kämpfer. Wie kommt es, daß sich in unserem besonderen Falle so Wenige zur Abwehr aufraffen, hier, wo es sich darum handelt, nicht etwa den Juden eine Sonderstellung zu erringen, sondern nur sie als gleichmerthige, in gleicher Weise zu Berücksichtigende dem Ganzen einzugliederu? Unterschätzt man die Tragweite solcher kleinen Maßregeln, oder fehlt cs an derjenigen. Würde, die mit richtigem Empfinden auch das Recht wahrt, durch dessen Verletzung man persönlich nicht unmittelbar berührt wird? Und da wir doch von Erziehung sprechen und die Selbsterziehung das wichtigste Postulat jeder Erziehung ist, so sei es hier offen ausgesprochen: Es fehlt vielen Juden an Würde, und trotz der vielgerühmten Solidarität fehlt es ihnen an Gemeingefühl. Sich seines Glaubens schämen, ihn thunlichst verleugnen: das ist würdelos! Ruhig zusehen, wie der Glaubensbruder irgendwo vergewaltigt wird wegen seines Glaubens, gleichgiltig bleiben gegen Schmach und Unrecht, nur weil es den Nachbar trifft, nicht mich, weil für mich Hannibal noch nicht ante portas ist, das ist niedrig! Und dieser Würdelosigkeit und Selbstsucht machen sich leider Viele