Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Antisemitismus - Anarchismus
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 222 (sequence 18)
- Language
- German
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222 3m deutschen Reich. barth, findet es sehr unrecht, für Jesus gerade im Judengott die Ergänzung als Vater zu suchen. In dem in Erfurt abgehaltenen Jahresfest des evangel.-kirchlichen Hilfsvereins erzählte der Pastor Riemschneider-Gudersleben, früher Inspektor der Berliner Stadtmission, von einem beim Theater in hoher Stellung befindlichen Herrn, der ihm erklärt habe, er sei Antisemit und werde so lange nicht in die Kirche gehen, so lange in derselben von Isaak und Jakob die Rede sei. In der evangelischen Landessynode in Württemberg wurde zu Gunsten eines projektirten Bibel-Lesebuches für Schulen, das das alte Testament nur im Auszuge enthalten sollte, von einem Pfarrer aus Stuttgart auch ausgeführt, daß das alte Testament auf einer verhältnißmäßig unvollkommenen Stufe der Sittlichkeit stehe, durch welche die Jugend, der sonst doch die reine christliche Moral beigebracht werde, leicht verwirrt werden könnte. „Die christliche Welt" enthält einen Aufsatz, in dem sie versucht, die Werthlosigkeit der biblischen Geschichte des alten Testaments für den christlichen Religionsunterricht nachzuweisen. Die alttestamentlichen Sagengestalten seien kein Umgang für Christenkinder. Nach dem alten Testament kam auch das neue heran. Nach Paul Lagarde hilft „ein Sohn Gottes, der mit der Uhr in der Hand am 1. Januar des Jahres Eins, 5500 oder 4000 Jahre nach der Schöpfung das Licht erblickte. Niemandem etwas, der ca. 1900 Jahre nach diesem Zeitpunkte sich mit Gott und der Kreatur abzusinden hat." Wilhelm Marx nennt sich einen gleich mäßigen Hasser des Christenthums wie des Judenthums; apoftrophirt das Christenthunr als einen „Baum, der bisher nur Früchte des Todes getragen" und nennt die Herrschaft des Christenthums die Verjudung der Menschheit. Nach Dühring find Christenthnm und Antisemitismus unvereinbare Gegensätze. Niemand könne zwei Herren dienen; Antisemiten, die auch das Christenthum in Anspruch nähmen, seien entweder Betrüger oder Betrogene. Nach Or. Lange soll das „altersschwache" Christenthum „zur Deutsch-Religion vergeistigt" werden. Christliches Gebot widerspreche dem natürlichen Empfinden unseres Volkes. Die Germanen hätten durch das Christenthum schwerlich etwas gewonnen, vielleicht nur verloren. Nach Böckel-Ahlwardt's Vollsrecht ist das deutsche Volk lange