Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Antisemitismus - Anarchismus
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 217 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316604-2316609-2317723--00392-2317803- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Antisemitismus — Anarchismus. 217 Sich Vorschriften machen zu lassen, fiel aber weder mehr dem inzwischen weiter nach links gegangenen Gros der Deutsch-sozialen, noch der antisemitischen Volköpartei ein. Nur die bedeutungslos gewordenen Christlich-Sozialen und ein Häufchen Deutsch-Sozialer hielten zu dem mütterlichen Konservatismus. Die konservative Partei hatte eben bereits die Macht über die Bewegung verloren; sie konnte sie nicht mehr kommandiren, sie konnte nur noch „mitmachen", wenn sie mit dem Schlagwort des Antisemitismus etwas erreichen wollte. Die Agitation unterschied sich demnach auch kaum von der der reinen Antisemiten. Ging also dem Konservatismus die deutsch-soziale Partei schließlich schon zu weit nach links, so war diese im Gegentheil dazu der antisemitischen Volkspartei zu sehr rechtsstehend, zu reaktionär. Der Führer der antisemitischen Volkspartei war Böckel, ihr Terrain hauptsächlich Hessen. Böckel that im Vcrhältniß zur deutsch-sozialen Partei einen weiteren, den letzten Schritt znr Umgestaltung der antisemitischen Hetze — Bewegung kann ich nicht sagen —, die Erweiterung zum Klassenhas; mit speziell antisemitischer Zuspitzung. Die Religion spielte hier gar keine Rolle mehr. Die Aufwärmungen der alten Lügen in dieser Beziehung, soweit sie vorkamen, waren nur mehr hübsches dekoratives Beiwerk, nicht mehr die Sache selbst. Die Rasse wurde weniger in Gegensatz zum Deutschthum, zum Arierthum gestellt — wo dies geschah, war es ebenfalls mehr Beiwerk —, sondern „der jüdische Geist, der Hebräismus", wie Böckel öfter sagt, wurde hingestellt als das Wesentliche, als das Treibende in dem Faktor, der für alles Neble einer schweren wirthschaftlichen Zeit verantwortlich gemacht wurde — dem Kapitalismus. Die Juden wurden als die Kerntruppe des Kapitalismus hingestellt. Die Arbeitermassen rückten rmd rührten sich nicht von dem Banner der Sozialdemokratie und so trat die antisemitische Volks- , Partei aus als Anwalt des Mittelstandes und nannte ihr Treiben selbst eine „Mittelstaudsbcweguug", sich eine Partei der kleinen Leute und machte einen in der Thal stark erfolgreichen Beutezug in den Reihen der ländlichen Bevölkerung, der kleinen Besitzer, der Handu'crker, der kleinen Kauflente, der kleinen Beamten, in allen Reihen der mit den Zeiten Unzufriedenen, die noch nicht sozialdemokratisch geworden waren. Judeß dieser Abbruch der Sozialdemokratie