Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Antisemitismus - Anarchismus
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 216 (sequence 12)
- Language
- German
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216 Im deutschen Reich. offenem Mord (!), bei Straßenraub, gewaltsamem Einbruch u. s. w. finden wir sie nur selten." Der feige Meuchelmord wird, da er von Juden nicht begangen wird, um diese herabzusetzen, zum offenen Mord, zum Beweiözeichen persönlichen Muthes, umgestempclt. Daß die Juden aber ungefähr zehn Mal stärker als ihre christlichen Mitbürger wegen Zweikampfes bestraft find, zu dem doch auch persönlicher Muth gehört, das wird natürlich verschwiegen. Als Leuß, der Ehebrecher mit der Frau seines besten Freundes, der Meineidige, zu Zuchthaus verurtheilt war, da erschien in der „Hamburger Deutschen Reform" am 13. Januar 1895 ein Artikel, in dem die Liebe des Herrn Leuß zu Frau Dr. Schnutz als eine gewaltige, „fast bewunderungswürdige Leidenschaft" gepriesen wird, „die sinnlich und ideal zugleich eine speziell germanische genannt werden kann! Die Orientalen kennen diese Art der Leidenschaft überhaupt nicht!" Ist diese vollkommene Depravation keine Vorschule zum Anarchismus? — Auch der Antisemitismus der deutsch-sozialen Partei bekam Konkurrenten und zwar prinzipiell von zwei Seiten. Die eine war die konservative Partei. Die Ausgestaltung, die der Antisemitismus in der weiteren Entwickelung seitens der Deutsch-Sozialen, besonders aber seitens der gleich zu erwähnenden „antisemitischen Volkspartci" bekam, fing an, der konservativen Partei sehr zu mißfallen. Sie muhte fürchten, daß die Antisemiten statt den Sozialdemokraten Abbruch zu thun, ihr selbst Schaden zufügen würden; sie begann zu fürchten, daß der Verlust eigener Wahlkreise in der Quittung antisemitischer Hetzerfolge die erste Stellung eiunehmen könnte. Ueberdies bestand in der konservativen Partei schon lange das Drängen, die sogenannte Judenfrage in das offizielle Parteiprogramm auszunchmcn, um den antisemitischen Wind möglichst ganz für ihre schlaff gewordenen Segel zu fangen. Dies geschah schließlich in der bekannten, sogenannten Tivoli-Versammlung. Man wollte dem reinen Antisemitismus und der antisemitischen Volkspartci, deren Führer man zwar gelegentlich selbst als Atheisten und Sozialdemokraten bezeichnet hatte, ungefähr Mitteldeutschland, namentlich Hessen, wo Böckcl, der Vauerukönig regierte, überlassen, aber dann sollten diese Parteien das übrigeDcutschland und namentlich die konservativen Wahlkreise nicht behelligen i.ürcuzzeitnng vom 99. Juli 18N9>.