Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Antisemitismus - Anarchismus
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 212 (sequence 8)
- Language
- German
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213 Im deutschen Reich. Für die innere Ueberzeugungstreue der Hetzer, für die eminente Lauterkeit ihrer Gesinnung gestatten Sie, meine Herren, nur drei kleine Stichproben. Der Abgeordnete Sachse sagte am 27. Februar 1892 im Reichstag wörtlich: „Wir Sachsen haben eine kluge und weitblickende Staatsregierung, welche allezeit dafür gesorgt hat, daß die jüdischen Bäume nicht in den Himmel wachsen, wir haben ein sehr nachahmenswerthes Schächtgesetz." — Also von Thierschutz ist gar keine Rede. Noch deutlicher ist Herr Drumond, der ja auch für unsere Antisemiten eine gern citirte Autorität ist, indem er am 21. Juli 1894 in seiner „Libre parole“ mit halb naiver, halb cynischer Offenheit schreibt: „Das Gesetz in der Schweiz über die Betäubung des Viehes ist ausschließlich eine antisemitische Manifestation und zwar eine sehr scharfe. Es hat nichts zu thun mit einer besonderen Fürsorge für die Thiere, sondern ist ein Akt zum Schutze der Menschen, welche die Nachkommen Sem's in der Schweiz nach jüdischer Weise zur Ader lasten und nach koscherem Ritus erdrosseln möchten." Und von nicht minder naivem Cynismus strotzt der Satz der „Deutschen Oftmacht": „Darunl muß Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt werden, um den Nachweis eines Nitualmordes zu erfinden." All dies, nicht nur die drei letzten Proben, das ist schon kaum mehr blos demagogisch zu nennen! Kaum hatte sich diese erste Stufe antisemitischer Propaganda ungefähr entwickelt, als im antisemitischen Lager selbst eine bedeutsame Theilung in zwei Parteien stattfand, deren prinzipielle Unterschiede in ihren Namen ganz gut zum Ausdruck kommen. Neben der christlich-sozialen entstand die deutsch-soziale antisemitische Partei; sie bedeutete einen Fortschritt auf der Bahn der Verhetzung und drängte die ältere Richtung, die diesen Schritt nicht mitmachen wollte, wirklich bald in den Hintergrund. Zu dem schönen Rüstzeug der Christlich-Sozialen, der religiösen Verhetzung, fügten die Deutsch-Sozialen die Rastenverhetzung, als noch die Zugkraft steigernd, hinzu. Der Ureingeborenc, der Arier, wurde gegenüber dem Fremdling, dem Semiten, ausgespielt, ohne daß die probaten religiösen Verhetzungen außer Kraft gesetzt wurden. Es nuißte auch aus politisch-taktischen Gründen ein neuer