Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Antisemitismus - Anarchismus
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 210 (sequence 6)
- Language
- German
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2iO )m deutsche» Reich. gepredigt wurde. Den mißvergnügten Arbeitern, die von Christen und Christenthum nichts wissen wollten, wurde gesagt: „Nicht die Christen und das Nächstenliebe predigende Christenthum ist Schuld an Eurem Uebelergehen, sondern die Juden und ihre finstere Religion der Rache und der Härte. Ja, von Religionswegen ist ihnen alles Schlimme gegen Euch erlaubt. Sucht im Christenthum die sittliche Kraft Eurer Lage mit Würde zu tragen, mit Ruhe zu verbessern; was aber die Juden anbetrifft: Auf sie! Und das von Religions wegen, ihrer Religion wegen!" — Stöcker selbst faßte den Antisemitismus nur von der religiösen Seite aus. Den Beweis dafür liefern seine eigenen Ausführungen in der Tonhallen-Persammlung am 21. Oktober 1892, die ich nach dem Referat der gewiß unverdächtigen „Kreuzzeitung" gebe: „Ich sehe aucb eine große Gefahr darin, wenn man den Kampf gegen das Judenihum vom christlichen Boden lösen will. (Widerspruch!) Es werden große Fehler gemacht. Ich weiß wohl, daß ich jetzt in ein Wespennest greife; ein solcher Fehler ist die Behandlung der Judenfrage als Rassenfrage. Das ist keine christlicbe Behandlung der Frage. (Widerspruch! Oho!) Es giebt Antisemiten, die sagen, Jesus war gar kein Jude, sondern ein Arier. Das ist aber eine grenzenlose Dummheit!" Also ein Kampf von Religions wegen sollte es sein, das war die anfängliche „christliche Behandlung" der Frage, ein Kampf gegen die miuderwerthige Moral der jüdischen Religion und gegen die daraus sich ergebenden Schädigungen der staatlichen Gesellschaft durch die Bekenner dieser Religion. Das war die Logik dieser Phase. Deshalb müßten die Juden von allen öffentlichen Funktionen und allen obrigkeitlichen Aemtern, aus der Volksvertretung, dem Richter-, dem Lehrerstande ausgeschlossen werden; müßte die Verfassung, nach der alle Staatsbürger unabhängig vom Religionsbekenntnisse gleichberechtigt seien, für die Juden aufgehoben werden. Das waren die Forderungen dieser Phase. Und was hat man nun nicht Alles gegen die jüdische Religion vorgebracht, um einen Vorwand zu haben, sich an die Bekenner derselben heranzumachen! Mit welchen Mitteln hat man gehetzt und immer wieder gehetzt, in allen Schichten der Bevölkerung! Wie hat man längst wider-