Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Antisemitismus - Anarchismus
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 207 (sequence 3)
- Language
- German
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Antisemitismus — Anarchismus. 207 werde dann wie ein Ziehhund, der seine Pflicht gethan, auf „kusch Dich" bis zur nächsten Gelegenheit in den Winkel gehen, höchstens daß man diesen Rückzug in den Winkel, wenn widerwillig angetreten, durch einen gnädigen, aber deutlichen Fußtritt würde beschleunigen müssen, und man sieht zu seinem Erstaunen plötzlich einen Cerberus vor sich, der in die Waden beißt. Selbst einem Bismarck entging die Größe, die Gewalt der Bewegung, die er selbst entfacht, ihre eminente Gefahr für die bestehende Gesellschaftsordnung und auch er, der Niese, der Geistesrecke, mußte an sich selbst erfahren, wie die Pygmäen, die er für seine Werkzeuge, seine geringen und gefügigen Diener hielt, schließlich ihn selbst anfielen. Ein Theil derselben, wie wir noch sehen werden, stellte ihn mit Denen, die er der Verfolgung und Verhetzung preisgegeben, auf eine Stufe und dieser Theil ist noch dee ehrlichere, der dankbarere in all' seiner Undankbarkeit und steht moralisch noch unendlich höher, wie der andere Theil seiner politischen Gegner, die in der Oeffentlicbkeit an das hellklingende Erz seines Namens als an ein Reklame-Tamtam anschlugen und insgeheim „rings um ihn Scheiterhaufen anzündeten", um nlich der Worte Stöcker's zu bedienen, eines Mannes, von dem man ja raunt, daß er cs wissen müsse. Anarchismus! Was bedeutet das Wort und was ist des Wortes Wesen? Anarchismus ist nur der fremdsprachlich verhüllende Ausdruck für das, was Zola in seinem berühmten Wort in seiner Muttersprache deutlicher als In bete humaine kennzeichnet: Die nackte Bestie im Menschen. Anarchismus ist die prägnante Wortfassnng für die Versündigung an dem göttlichen Funken in uns, der nach der tiefsinnigen Schöpfungslegcnde unser ewiges Erbtheil sein sollte. Anarchismus bedeutet das Abstreifen aller gesellschaftlichen Dogmen und Rücksichten zu Ehren der schrankenlosen Ilnbändigkeit des niedrig gesinnten eigenen Jchs. Anfeindung, Hcrabzerrung und Verächtlichmachung einer Instanz nach der anderen auf der Erde und im Himmel, jeder Institution von praktischem oder moralischem Werth, die für die bestehende Gesellschaft als Norm gelten, das ist der erste Grundzug anarchistischer Praxis und der zweite, sicb konsequent daraus ergebende ist die Scrupellosigkeit in der Wahl der Mittel. Wahnsinnige Aufhetzungen gegen alles Bestehende mit Lügen und Verleumdung, mit 15°