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Im deutschen Reich · 1895-10-01 · Heft 4 (Oktober 1895) · p. 198

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 4 (Oktober 1895)
Article
Vereinsnachrichten
Date
1895-10-01
Page
198 (sequence 5)
Language
German
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198 Im deutschen Reich. und dazu zu benutzen, ihr schlaffgewordenes Segel wieder aufzublähen, hätten zu dem bekannten Abkommen, der Tivoli-Versammlung geführt, ohne den Konservativen eine Macht über die Bewegung zu verschaffen, die fie mit sich fortriß und sich mehr und mehr zum Antikapiialismus umgestaltete. Ueberaus zahlreiche Citate aus allerhand antisemitischen Zeitungen und Flugschriften, durch welche der Vortragende seine Ausführungen mit frischem Humor illustrirte, erweckten wiederholt die Heiterkeit des Auditoriums. Redner führte dann aus, wie der Antisemitismus, nachdem er in seinem Kampfe gegen die Juden fast sein ganzes Arsenal geleert hatte, seine Angriffssront bedeutend verändert und dabei erst recht seinen anarchistischen Charakter enthüllt habe. Jetzt müsse er erst recht bekämpft werden, nicht zum Schutze der jüdischen Minorität, sondern der mitbedrohten Allgemeinheit, nicht unsertwegen, sondern des durch den praktischen Anarchismus gefährdeten gesammten deutschen Vaterlandes. (Bravo!) Sodann entrollte der Vortragende ein langes Sündenregister der Antisemiten, indem er ihre Angriffe gegen die Religion (Jahve- Lästerung, Verhöhnung dessen, „der mit Abraham Kalbsbraten gegessen", überhaupt der alttestamentlichen Sagen, die Rückkehr zum Wotansdienst u. s. w.), ihre Versündigung an der Verfassung, die durch mehrere Citate aus antisemitischen Blättern belegte Mißachtung der Monarchie anführte. Ferner betonte Redner die Herabwürdigung der angeblich jüdisch-römischen Rechtspflege, die Herabsetzung des Ansehens der Armee durch den Judenflintenprozeß und durch die Schirp'schen Behauptungen über dekorirre jüdische Soldaten, die Skrupellosigkeit der Mittel bei der Bekämpfung jüdischer Konkurrenten (Traunstein-Bombe), die Manie, Alles für verjudet zu erklären, insbesondere aber jenes Gebühren, welches sogar das „Volk" zu der Aeußerung veranlaßte: „Der Antisemitismus ist der Zwillingsbruder des Anarchismus." Für die deutschen Juden erwachse aus der allgemeinen Gefahr, die sie allerdings zunächst am eigenen Leibe spürten, die Pflicht, sich zu organisiren, sich aber auch im Einzelkampfe keine Blößen zu geben, sich überall Achtung zu erzwingen und stets in der Erinnerung an längstergangene Leiden diejenige Fassung zu behaupten, welche Odysseus mit den Worten bekundete: „Dulde auch dieses, mein Herz, da Du noch Hündischeres erduldet hast." Unter rauschendem Beifall schloß der Vortragende mit den Worten: Wir kämpfen nicht für uns, sondern für das Vaterland, denn Antisemitismus ist Anarchismus! — Nach kurzer Pause widmete der Vorsitzende dem im verflossenen Sommer dahingeschiedenen Mitbegründer des Vereins und Vorstandsmitglied, Adolf Salomon, einen ehrenden Nachruf und gedachte sodann des kürzlich verstorbenen Begründers des ersten Abwehrvereins, Rudolf von Gneist, welcher nicht als Freund der

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