Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1895-10-01 · Heft 4 (Oktober 1895) · p. 183

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 4 (Oktober 1895)
Article
Umschau
Date
1895-10-01
Page
183 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2316602-2316604-2316608-2317567--00298-2317676
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau. 183 Sympathien der Massen beraubten. Der bedeutende Umfang des antisemitischen Sieges bei den Wiener Gemeinderathswahlen (in der Wiener Gemeinderatksstube, in der im Vorjahre nur 46 Antisemiten saßen, fitzen jetzt deren 92), hat thatsächlich die österreichischen Regierungskreise weit' mehr überrascht und die arg zusammengeschmolzene Zahl der christlichen Liberalen mehr erschreckt, als die Juden, welche 'auf Aehnliches gefaßt waren und schon unter der Herrschaft der Liberalen die Luft an der Betheiligung am politischen Leben nahezu verloren hatten. Unter dem Regime der Liechtenstein, Deckert und Lueger werden fie sich doppelt zurückhaltend zeigen, zumal die am ersten Wahltage erfolgte tödtliche Mißhandlung eines harmlosen, 77 Jahre alten jüdischen Hausirers durch den Schneidergesellen Lutzak eine Probe von dem geliefert hat, was von subsistenzlosen Leuten zu gewärtigen ist, denen man fast täglich in antisemitischen Versammlungen gepredigt hat, daß die Juden die Urheber des wirihschaftlichen Niederganges in Oestereich seien. Vergeblich suchen die Wiener Antisemiten den Mörder Lutzak von sich abzuschütteln; er gehört vielleicht keinem ihrer Vereine als Mitglied an, aber sein Ausruf „Saujud!" hat hinreichend bewiesen, daß seine Greuelthat nur als die Folge fanatisirender Hetzreden aufgefaßt werden kann. Es erinnert dies lebhaft an die Versicherung der Breslauer Antisemiten, daß der kürzlich wegen schändlicher Bewucherung von mehr als 400 jungen Leuten verhaftete Graveur Fritz Sedlatzek keine Aufnahme gefunden, als er Mitglied des dortigen deutsch-sozialen Vereins werden wollte. Daß er überhaupt um Aufnahme nachsuchte, beiucift hinreichend seine antisemitische Gesinnung, von der auch sein nütverhafteter Bruder Paul Sedlatzek Proben abgelegt haben soll. Für die Wiener Juden ist es zienllich gleichgültig, ob im dortigen Rathhause mattherzige Freunde oder entschiedene Gegner walten, wogegen es dem Minister Graf Badeni schwer fallen dürfte, denselben vr. Lueger als Bürgermeister Wiens zu bestätigen, der den Ausgleich mit Ungarn wiederholt verunglimpfte und auch künftig bekämpfen würde. Für den Fall der Ablehnung Lueger's ist von den Antisemiten der Gemeinderatb, .Hof- und Kerichtsadvokat Pr. Porzer, der Sohn einer getauften Jüdin, als Bürgermeister in Aussicht genommen. Angeblich plant Graf Badeni die Errichtung einer eigenen Abtheilung für Gerneindeangelegenheiten, um bei weiteren Konflikten im Wiener Rathhause das Mittel zum Eingreifen zur Hand zu haben. Die Fruchtlosigkeit der den Zünftlern gerrrachten Konzessionen hat die österreichische Regierung nicht gewarnt; jetzt mögen die Segnungen einer antisemitischen Wiener Gemeindeverwaltung sie und vielleicht auch noch andere Regierungen belehren, wem rnan den kleinen Finger reichen darf — und wem nicht!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.