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Im deutschen Reich · 1895-10-01 · Heft 4 (Oktober 1895) · p. 182

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 4 (Oktober 1895)
Article
Umschau
Date
1895-10-01
Page
182 (sequence 9)
Language
German
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182 3m deutschen Reich. Lehrerinnen betreffend, für ihre Zwecke ausbeuten würden, war zu erwarten. Obgleich kein Unbefangener „an deutschen Fürstenhöfen und in deutschen Ministerien" bisher eine „Begünstigung der Juden" zu bemerken vermochte, suchen die Judengegner diese lächerliche Fiktion aufrecht zu erhalten, um die leitenden Kreise einzuschüchtern und die breiteren Bevölkerungsschichten aufzureizen. Kürzlich soll sich ein jüdischer Kaufmann in Görlitz den Scherz erlaubt haben, der Aufforderung des Komitees für Errichtung eines Seemannshauses in Kiel durch Zeichnung eines Beitrages von 10000 Mark zu entsprechen, als Termin für die Auszahlung aber den Tag zu bezeichnen, „an welchem der erste Jude als Offizier in die Marine oder Linie eingestellt wird." Dies veranlagte antisemitische Blätter aus Breslau zu berichten, „ein christlicher Kaufmann, der sich über die jüdische Dreistigkeit geärgert, habe ebenfalls 10000 Mk. gezeichnet, aber mit dem Zusatze: „Zahlbar an dem Tage, an welchem der letzte deutsche Judenknecht an Fürstenhöfen und Ministerien hinausgestellt wird." Leider hat der edle Breslauer nicht hinzugefügt wer diese „deutschen Judenknechte" und wo sie zu finden sind! Dieselbe Taktik, jeden humanen Fürsten als Schuldner der Juden und jeden nicht ihrem Willen sich fügenden Regierungsbeamten als „Judenknecht" zu verdächtigen, hat den österreichischen Antisemiten zu brillanten Erfolgen verholfen. Sie schreckten selbst davor nicht zurück, den Kaiser Franz Joseph den „Abgott Israels" zu nennen, weil er es bei der Verurtheilung Schönerer's zu vier Monaten Kerker, mehrjähriger Entziehung der politischen Rechte und zum Adelsverlust bewenden ließ, dagegen den jüdischen Bersicherungöbeamten Politzer begnadigte, welcher wegen Mißhandlung des Reichstagsabgeordneten Kaiser zu Gesängnißstrafe vcr* urtheilt worden war. Die österreichischen Antisemiten haben den leidenden Zustand des Erzherzog-Thronfolgers in taktlosester Weise besprochen und einem anderen Erzherzog nacherzählt, daß er, um seine Reitkunst zu zeigen, mit dem Roß über einen Leichenwagen hinweggesetzt sei. Diesem Erzherzog haben dieselben Märchenerzähler nachgesagt, daß eine Jüdin sein Eheglück zerstört, weshalb seine Mutter die antisemitische Bewegung durch große Geldsummen gefördert habe. Die Antisemiten würden jedenfalls die kühne Sprache gegen die Regierungsorgane nie gewagt haben, wenn sie nicht auf einen mächtigen Rückhalt in den höchsten Wiener Kreisen, auf die Abneigung der letzteren gegen die angeblich nur von Juden gestützten Liberalen und auf die Leichtigkeit der Einschüchterung vieler maßgebender Persönlichkeiten hätten rechnen können. Seit Jahren haben die leitenden Personen in Wien die Hetze gegen die „Judenliberalcn" ruhig mit angesehen und immer mächtiger anschwellen lassen» die Liberalen aber begingen Fehler auf Fehler, durch welche sie sich selbst der

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