Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-10-01
- Page
- 184 (sequence 11)
- Language
- German
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184 3m deutschen Reich. Um möglichst noch in letzter Stunde die freisinnigen Gesetzvorlagen zum Scheitern zu bringen, tischte das ungarische klerikale Blättchen „Magyar Allam" wieder einmal das Märchen vom Ritualmord auf. Gelegenheit dazu bot die Auffindung der entsetzlich zugerichteten Leiche des fünfjährigen Töchterchens Julie des Landmannes Jos. Balaz in Garam- Kis-Sallo im Honter Comitat, welches in das Gewölbe des Ignaz Adler nach Branntwein geschickt worden und seitdem verschwunden war. Dervom „Magyar Allam" bei der Verbreitung der sensationell ausgeschmückten Geschichte gehegte Hetzzweck wurde rasch vereitelt. Der nach Garam-Kis- Sallo entsandte Oberdetektiv Szombatfalvy ermittelte Folgendes: Das Mädchen ist in den Bach gefallen und hat den Tod gefunden. Die von der Strömung einer Wassermühle zugetriebene Leiche ist von den Rädern an das Ufer geschleudert und von den Hunden zerfleischt worden. Die beiden Müllerburschen, welche die Leiche zuerst entdeckten, hatten bereits gehört, daß man Adler des rituellen Mordes bezichtige und beschlossen, dies zu einem Erpressungsversuch zu benutzen. Adler ließ sich aber nicht einschüchtern, gab die als Preis der Geheimhaltung verlangte Summe nicht, sondern erstattete Anzeige. Die Müllerburschen sind geständig; auch gegen den Urheber des Blutritual-Märchens ist die strafgerichtliche Untersuchung eingeleitet worden. Die deutschen Antisemitenblätter „Deutscher General-Anzeiger", „Badischer Volksbote" u. A. m., welche das neue ungarische „Märchen vom Ritualmord" sofort nachgedruckt hatten, verschwiegen bis jetzt die Aufklärung der düsteren Geschichte von Garam- Kis-Sallo. Der „Deutsche General-Anzeiger" brachte sogar bei dieser Gelegenheit das vor längerer Zeit berichtete spurlose Verschwinden der kleinen Hedwig Weber in der Potsdamerstraße in Berlin mit dem ungarischen Zwischenfall in Verbindung, trotzdem Herr Sedlatzek selbst davon überzeugt sein muß, daß der Weber'sche Fall, bei dem keine Leiche gesunden worden, aus eine Kindesentführung oder dgl. zurückzuführen ist, zu der Verdächtigung irgend eines Juden aber nicht den geringsten Anlaß gegeben hat. Diese Art der Ausbeutung des „Erpressungsversuchs" des ungarischen Müllergesellen Csomor ist der „Sedlatzeks" würdig! Sie treiben ihr trauriges Hetzgeschäft, unbekümmert um die schlimmen Folgen desselben, weiter, so lange sie unter Denen,. die ja nie ganz alle werden, gläubige Leser finden. Die Hoffnungen, die in ihnen der Umschwung im Wiener Rathhause erweckt hat, werden sich aber sicher nicht erfüllen. Dafür bürgt der gesunde Sinn, der im deutschen Volk wohnt, welches es ernsthaft und ehrlich mit Wahrheit und Recht, Gesetz und Ordnung meint und als höchstes patriotisches Ziel erkennt: Deutschland in Wahrheit ein Rechtsstaat! A. L.