Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-10-01
- Page
- 175 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 175 daß er sie öffentlich als „jüdische Theatermache" bezeichnete und die Abschrift eines Briefes ausgrub, den er selbst vor langen Jahren an den greisen Kaiser Wilhelm geschrieben, als sich Herr von Bleichröder über den Hofprediger beklagte, der ihn wegen Verweigerung eines Beitrags zur Stadtmission heftig angegriffen hatte. Jener Brief, in welchem Bleichröder's angebliche Festlichkeiten zur Passionszeit und Paul Lindau's „Gräfin Lea" berührt und schließlich der Kaiser um „Allerhöchstseinm Segen" gebeten wurde, scheint dem Absender keinen Segen gebracht zu haben, denn wäre eine huldvolle Antwort erfolgt, so würde der Empfänger dieselbe der Oeffentlichkeit sicher nicht vorenthalten. Ueber den Stöckerbrief schreibt der bekannte protestantische Theologe Prof. Dr. Beyschlag in den „D.-Evangel. Bl.": „Ich will nicht sagen, daß nicht Hunderte, die jetzt auf Stöcker Steine werfen, im politischen Jntriguenspiel, das die Welt für erlaubt hält, so lange sie in demselben nicht ertappt wird, sich ähnliche Schachzüge gestatten würden; aber für einen Christen, für einen Vertreter des Evangeliums im öffentlichen Leben, endlich für einen Hofprediger in Sonderheit scheint er mir nicht erlaubt. Es liegt nach evangelischen Begriffen außerhalb der Sphäre des Hofpredigeramtes, einen Monarchen mit seinem Minister zu entzweien und so in die allgemeinen Staatsverhältnisse eingreifen zu wollen. Schlimmer aber als der Brief selbst erscheint mir der Versuch, jetzt diese Tendenz aus dem Briefe wegdeuten zu wollen; er richtet sich selbst." Daß „unter der Regierung des Kaisers Friedrich von verschiedenen amtlichen und kirchenregimentlichen Seiten ein repressives Vorgehen gegen Stöcker und dessen Agitation mit größter Entschiedenheit angeregt war" und daß damals nur auf Anrathen des Fürsten Bismarck in dem unter dem Vorsitze des Kaisers in Charlottenburg abgehaltenen Kronrath von der sofortigen Beseitigung des agitatorischen Domgeistlichen abgesehen wurde, verkündete das bekannte Organ Bismarck's, die „Hamburger Nachrichten", um zu zeigen, wie unberechtigt der in dem Stöckerbrief angedeutete Vorstoß gegen den Reichskanzler gewesen. Das genannte Blatt bestritt entschieden die Behauptung Stöcker's, daß er damals durch die mittelparteiliche Presse, welche dem Prinzen Wilhelm die Betheiligung an der Stadtmission verleiden wollte, gereizt worden sei; die Provokation sei ausschließlich von seinem eigenen herrschsüchtigen Ehrgeize ausgegangen. Diese Abkanzelung seitens seines ehemaligen Beschützers hat den Mann mit der eisernen Stirn nicht verhindert, in der „Deutschevangelischen Kirchenzeitung" „die falsche Kartellpolitik" für seine politischen Schachzüge verantwortlich zu machen und den „jüdisch-liberalen Preßorganen" die kühne Absicht zuzuschreiben, den Kaiser in das juden-liberale Lager zu ziehen. Durch derartige seltsame Behauptungen dürfte selbst das