Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1895)
- Article
- Gellert über die Juden
- Date
- 1895-10-01
- Page
- 171 (sequence 2)
- Language
- German
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Geliert über die Juden. 171 eines lieben Mitgefangenen, von dem er getrennt worden war, und befördert Briefe an desien Frau in der Heimath. Dabei zeigt dieser Jude eine sehr gute Kenntniß von Menschen und Dingm und weiß dem Gefangenen Mittel und Wege anzugeben, wie er die Gunst des strengen Gouverneurs gewinnen und dadurch einer milderen Behandlung theilhaftig werden kann. Als eine mitleidige Frau dem Grafen einige Juwelen schenkt, besorgt ihm der Jude den vortheilhaftesten Verkauf, für fünftausend Thaler. „Aber, was wollt Ihr mit so vielem Gelde anfangen?" fragt er den Grafen, „man könnte es Euch über kurz oder lang nehmen." Er giebt ihm daher nur tausend Thaler baar und läßt bei seiner Abreise das Uebrige bei einem andern eben so ehrlichen Juden zurück. Als ihm der Graf zweihundert Thaler zur Belohnung für seine Dienste aufdrängt, schenkt sie der Jude dem Gouverneur, damit er dem Gefangenen ferner günstig bleiben solle. Nach seiner Abreise vertritt ihn ein anderer Jude, besucht öfters den Grafen und erweist ihm allerlei Gefälligkeiten. Nach der Freilassung des Grafen ist es wieder dessen Freund, ein gefangener Engländer, dem sich der Jude gefällig erweist. Auf den Rath des Juden nimmt der Graf bei seiner Heimreise von seinem Gelde nur wenig baar mit, denn es könnte ihm auf der Reise bis Moskau zehnmal gestohlen werden. Für das Uebrige giebt er ihm vier Wechsel auf Juden in Moskau, „damit ich," erzählt der Graf, „wenn ich einen verlöre, doch nicht um alles käme; so ehrlich handelte dieser Mann an mir." In Moskau bekam der Graf von dem Juden das Geld für seine Wechsel bis auf einen von 150 Rubel. „Der Jude, der mir ihn bezahlen sollte, war in die elendsten Umstände gerathen, und seine Mitbrüder versicherten mich, daß sie binnen einem Jahre das Geld für ihn erlegen wollten, wenn er es nicht thun könnte. Ich zerriß darauf den Wechsel und gab dem armen Juden noch zehn Thaler von dem übrigen Gelde." In Holland, wo der Graf nach seiner Befreiung mit seiner Frau wohnt, erhält er nach einiger Zeit den Besuch des Juden, den seine Geschäfte dahin geführt hatten und der von ihm in herzlichster Weise ausgenommen wird. Die Gräfin sagt von dem Juden: „Sein Herz war wirklich seiner ehrlichen und einfältigen Miene gleich und seine Sitten gefielen durch sein Herz. Er war