Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1895)
- Article
- Gellert über die Juden
- Date
- 1895-10-01
- Page
- 172 (sequence 3)
- Language
- German
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172 Im deutschen Reich. schon bei Jahren, und sein grauer Bart und sein langer polnischer Pelz gaben ihm ein recht ehrwürdiges Ansehen. Die freundschaftliche Art, mit der wir mit ihm umgingen und ihm unsere Erkenntlichkeit zu bezeugen suchten, rührte ihn ausnehmend." Acht Tage bleibt er der Gast des Grafen und zieht sich jeden Abend auf eine halbe Stunde in sein Zimmer zurück, um zu beten. Vor der Abreise sagt er dem Grafen: „Sie wiffen, daß ich mehr Vermögen habe, als ich und meine Frau bedürfen. Ich habe hier in der Bank ein Kapital von zehntausend Thalern zu beheben. Erlauben Sie mir die Freude, daß ich's Ihrer kleinen Tochter schenken darf, und nehmen Sie den Schein von mir an." — „Wir versicherten ihn," erzählt die Gräfin, „daß unsere Umstände so beschaffen wären, daß wir nicht Ursache hätten, ihm einen Theil von seinem Vermögen zu entziehen; allein er beklagte sich, daß wir seine Gutwilligkeit verachten wollten und zwang uns, das Geschenk anzuuehmen. Er ging darauf zu unserer Tochter und knüpfte ihr noch ein sehr kostbares Halsband um den Hals. Er beschenkte auck das unglückliche Mädchen, welches ich zu mir genommen hatte, sehr reichlich, und eilte alsdann, was er konnte, um sich seinen Abschied nicht noch saurer zu machen. Der rechtschaffene Mann! Vielleicht würden viele von diesem Volke bessere Herzen haben, wenn wir sie nicht durch Verachtung und listige Gewaltthätigkeiten noch mehr niederträchtig und betrügerisch in ihren Handlungen machten, und sie nicht oft durch unsere Aufführung nöthigten, unsere Religion zu hassen." Diese Worte der „schwedischen Gräfin" können wir wohl als den Ausdruck von Gellerts Anschauung von den Juden betrachten. Und sollte er seinen Juden ganz aus der eigenen Phantasie geschöpft haben? Man glaubt, daß Mendelssohn das Vorbild zu Lessings Nathan gewesen sei. Vielleicht hat auch Gellert unter seinen Bekannten manchen braven ehrlichen Juden gehabt, vielleicht sogar einen „polnischen", wozu ihm ja die Leipziger Messen Gelegenheit boten! .M. Landau.