Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1895)
- Article
- Gellert über die Juden
- Date
- 1895-10-01
- Page
- 170 (sequence 1)
- Language
- German
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170 Geliert über die Juden. f§||n den berühmten Schriftstellern, welche bereits im vorigen m Jahrhundert den Juden volle Gerechtigkeit widerfahren ließen, gehört auch, was wenig bekannt sein dürfte, der fromme Dichter Geliert. Drei Jahre vor der Veröffentlichung des Lefstngfchen Lustspiels „Die Juden" schrieb Gellert bereits seinen Roman „Leben der Schwedischen Gräfin von G . . welchem Klopstock volle Bewunderung zollte. Ich beabsichtige hier keine Kritik jenes Romans zu schreiben, in welchem ein polnischer Jude eine bedeutende und ehrenvolle Rolle spielt, und will mich nur mit der Gellertschen Schilderung des Juden beschäftigen, die von dem edlen Herzen des zu seiner Zeit allgemein verehrten deutschen Moralisten Zeugniß giebt. Gellerts Jude ist kein „Schacherjude", der mit alten Hosen und Hasenfellen handelt, sondern ein reicher Kaufmann, der von Polen nach Sibirien Handel treibt. Seine Haupttugend ist die Dankbarkeit, und diese ist bekanntlich eine der bei den Juden am häufigsten anzutreffenden guten Eigenschaften. Man sieht also, daß Gellert die Juden kannte und nicht aufs Gerathewohl idealisirte. Lessings Jude hat den Baron aus Räuberhänden gerettet, derjenige Gellerts ist von dem nach Sibirien verbannten schwedischen Grafen G. gerettet worden, als er mit seinem Pferde in den Schnee versunken und fast schon erfroren war. Dafür entwickelt er einen unermüdlichen Eifer und unerschöpfliche Freigebigkeit um seinem Erretter zu dienen. Durch seine Fürbitte und durch sein Geld setzt er es durch, daß der Graf von der Zwangsarbeit befreit und in ein lichteres und geräumigeres Gefängniß gebracht wird. Er bringt ihm beguemere Kleidung, Decken und Pelzwerk zum Schutz gegen die Kälte, besucht ihn oft und „niemals ohne ihm eine Gutthat zu erweisen". Er verschafft ihm wieder die Gesellschaft