Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 3 (September 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-09-01
- Page
- 132 (sequence 8)
- Language
- German
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132 Im deutschen Reich. fitzende bemerkte, es sei nicht anzunehmen, daß ein Mann von geistiger Befähigung selbst in erregtem Zustande eine Erklärung niederschreibe, die er nachher widerrufe. Dem Beklagten, der sich lediglich an jene Erklärung gehalten, mußte es wunderbar erscheinen, daß die Ehefrau des Klägers sich 250 Mk. schenken lasse und daß ihr Ehemann nicht dagegen Einspruch erhob. Infolge der gegen dieses Urtheil von Heutig eingelegten Berufung ist Gehrke zu 20 Mk. Geldstrafe verurtheilt worden. Einen günstigeren Ausgang für denselben Kläger nahm dessen Privatklage gegen einen Redakteur des „Berl. Tageblatts", welcher >ihn wiederholt beschuldigt hatte, wucherische Geschäfte getrieben zu haben. Der Beklagte wurde wegen Beleidigung in zwei Fällen zu 300 Mk. Geldstrafe verurtheilt. Bezüglich des zweiten Falles nahm das Schöffengericht an, daß, selbst wenn Dr. Heutig von 15 v. H. gesprochen hätte, dies nur als eine Redensart anzusehen sei. Für die geringe Lehrerfreundlichkeit mancher Antisemiten zeugt ein Artikel det „Hann. Post" vom 12. Juli, in dem es heißt: „Wir würden den liberalen Schulherren dankbar sein, wenn sie die ihnen von der deutsch-sozialen Wahlagitation her gegebene Anregung bei sich möchten wirken lassen, sich um ihre Schulen zu bekümmern, im klebrigen aber die Welt gehen zu lassen, wie sie geht." Mit der „Anregung" sind Aeuherungen des antisemitischen Reichstagsabgeordneten Pastor Jskraut gemeint, welcher in einer Versammlung zu Delitzsch im September v. I. öffentlich sagte, „in erster Linie habe der Kampf der liberalen Lehrerschaft zu gelten". Der mit Pastor Jskraut im Reichstagswahlkreise Eschwege- Schmalkalden erzielte Erfolg hat den antisemitischen Mandathunger noch keineswegs gestillt. Daß der Gutsbesitzer Müller als Kandidat der deutsch-sozialen Reformpartei bei der am 22. Juli im Kreise Waldeck- Pyrmont stattgehabten Stichwahl gegen 1100 Stimmen mehr erhielt als sein nationalliberaler Gegner Dr. Böttcher, hat er in erster Linie den Sozialdemokraten zu verdanken. Bekanntlich war der Herausgeber der „Rationallib. Corresp." vor der Stichwahl von dem „Vorwärts" und der „Frankfurter Zeitung" als einer der Väter. der Umsturzvorlage und als Feind des allgemeinen Wahlrechts hingestellr worden. Im Kreise Meseritz- Bomst drang der zuerst von der deutsch-sozialen Reformpartei scharf bekämpfte, dann aber von derselben bei der Stichwahl kluger Weise unterstützte reichsparteiliche Kandidat von Dziembowski durch. Der schlesische Kreis Wartenberg-Oels hat am 17. September einen Reichstagsabgeordneten zu wählen. Dort stellen die Antisemiten dem bisherigen Vertreter von Kardorff den antisemitischen Schriftsteller Hans Puchstein entgegen, der seine ersten politischen Lorbeern in dem „Schulchan Aruch-Prozeß" gepflückt hat.