Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 3 (September 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-09-01
- Page
- 128 (sequence 4)
- Language
- German
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128 3m Deutschen Reich. durchlöchert wie ein altes unbrauchbares Kleinod, — die Religion, wie die bestehende Ordnung. Es wackelt eben in allen Ecken/' Angriffe gegen die leitenden Kreise finden sich aber nicht nur in dem Organ Ahlwardt's, sondern auch in denen der deutsch-sozialen Reformpartei. Die „Deutsche Wacht" des Abg. Zimmermann brachte am 12. Juni nachstehende Aeußerung: „Warum nach oben wie nach unten? Weil der Feind des Christenthums nicht eine bestimmte Partei, auch nicht die sozialdemokratische, ist, sondern der Materialismus, der freilich in ihr, nicht minder aber auch in den oberen Zehntausend, in den Vorkämpfern für „Bildung und Besitz", seine nur zu zahlreichen Gläubigen gefunden hat." Dasselbe Dresdener Antisemitenblatt reproduzirte am 30. Juni aus der im Verlage von Bilderbogen-Glöß erschienenen Schrift „Fürst Bismarck und die Sozialdemokratie" verschiedene Sätze, u. A. den: „Die Geschichte wird desto bitterer mit Wilhelm II. darüber rechten, warum er handschriftlich „eine so bewährte Kraft", wie Herrn von Bötticher, im Amte behielt und eine nie wiederkehrende Gestalt wie Bismarck einfach von sich wies." Dieselbe Tendenz wies ein von dem „Deutschen General-Anzeiger" dem Witzblatt „Deutscher Michel" nachgedrucktes Gedicht „Herrn von Bötticher in's Album" auf. Als der Großherzog von Baden ein Gnadengesuch des antisemitischen Agitators Adolf Stein unberücksichtigt ließ, brachte der „Badische Volksbote" am 22. Juni die gewagte Behauptung: „Selbst in seinem ureigensten Recht, der Begnadigung, wird der Monarch bei uns durch Minister beeinflußt." Vor einigen Wochen besuchte der Großherzog mehrere größere Werkstätten in Karlsruhe, wobei sich unter den führenden Herren der jüdische Industrielle Rudolf Hermann befand. Dies gab der antisemitischen „Deutschen Volkswacht" Anlaß zu solchen verletzenden Bemerkungen, daß Hermann eine Beleidigungsklage anstrengte, worauf der Redakteur Chr. Faaß von dem Schöffengericht zu Karlsruhe zu 150 Mk. Geldstrafe verurtheilt wurde. Von der Anklage wegen groben Unfugs, begangen durch Veröffentlichung des „Sanges an Abram" war die Redaktion des „Badischen Volksboten" durch die Mannheimer Strafkammer freigesprochen worden. Da die Großherzogliche Staatsanwaltschaft Revision einlegte, kommt diese Sache vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe zur nochmaligen Verhandlung. Bezeichnend für die Bedeutung der badischen Antisemiten ist nachstehendes Inserat des „Volksboten": „Der frühere Schriftsetzer, jetzige Käsehändler Thomas Reuther in Offenbach, der früher eine Zeit lang in unseren Diensten stand, aber danach entlassen und. aus der Partei ausgeschlossen werden mußte, bereist seit einigen Tagen das badische Unterland, spricht überall bei vermögenden Gesinnungsgenossen vor und trägt ihnen —