Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 3 (September 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-09-01
- Page
- 126 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316604-2316607-2317455--00202-2317530- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
126 3m deutscher! Reich. schrieb: „An den Gräbern der gefallenen Helden, beim Anblick der von den Kugeln zerfetzten Fahnen und Standarten gelobt treu zu stehen zur „Deutsch-sozialen Reformpariei", unterstützt die antisemitische Presse, lest keine das Volksleben vergiftende Judenzeitung, dazu mahne uns die fünfundzwanzigjährige Wiederkehr der Siegestage von 1870/71, und wenn wir alle Mann für Mann in diesem Sinne die ruhmreichen Tage feiern, dann werden auch uns einst unsere Enkel segnen!" In einer glücklicheren, aufgeklärteren Zeit lebend, werden sich aber wohl die Enkel Derjenigen schämen, dieimJahre 1895 eine solcheSprache führten. Sie werden kaum das Andenken solcher Leute vom Schlage des ehemaligen Redakteurs des „Badischen Volksboten", Theodor Reuth er, segnen, welcher in einer zu Helmlingen gehaltenen Agitationsrede die Behauptung wagte, „die jüdischen Soldaten, welche den Krieg 1870/71 mit-' gemacht, hätten dies nicht aus Patriotismus gethan, sondern weil sie eben mußten; übrigens hätten sie sich gedrückt, wo sie nur konnten." Für diese kecke Beleidigung deutscher Soldaten ist Reuther am 27. Juli d. I. von dem Schöffengericht zu Kehl zu 3 Wochen Haft und Tragung sämmtlicher Kosten verurtheilt worden. Vor einigen Wochen meldete sich der seit Dezember vorigen Jahres in Berlin bestehende Militär- und Sanitäts-Verein „Deutsches Vaterland", welchem 450 Mitglieder, darunter über 200 Veteranen und viele Inhaber des Eisernen Kreuzes angehören, bei dem Kriegerbunde zum Beitritt an, um an der Parade am 19. August theilnehmen zu können. Darauf ging den: zum weitaus größten Theile aus Juden bestehenden Vereine ein abschlägiger Bescheid zu, welcher damit begründet war, daß der Verein noch „zu jung" sei, um zu der Parade zugelassen zu werden. Der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde hatte auf Kosten der letzteren die auf dem Friedhofe in der Schönhauser Allee befindlichen Gräber der Opfer des französischen Krieges frisch belegen und die Grabsteine erneuern lassen. Eine an diesen Gräbern von dem erwähnten Militär-Verein am 18. August veranstaltete würdige Todtenfeier, bei welcher Rabbiner vr. Weiße die Gedächtnißrede hielt, veranlaßte ein antisemitisches Blatt zu der folgenden Bemerkung: „Die großartige Veranlagung der Feier scheint uns weder zur Zahl der Opfer noch zu ihren Verdiensten in annäherndem Verhältnis, zu stehen. Helden waren sie Alle nicht; an dieser Thatsache wird auch die große „Grab-Reklame" nichts ändern. Daß sich der feiernde Verein „Deutsches Vaterland" nennt, ist eine Geschmacklosigkeit, an die wir bei unseren „deutschen Mitbürgern jüdischen Glaubens" (!) allerdings längst gewöhnt sind." Ob es geschmackvoller ist, tobte Vaterlandsvertheidiger zu verleumden, mag dahingestellt bleiben; solcher Verleumdungen wird sich nicht erst ein später