Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 3 (September 1895)
- Article
- Deutsche und Juden
- Date
- 1895-09-01
- Page
- 123 (sequence 9)
- Language
- German
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Deutsche und Juden. 123 die Religion nicht den Grundzug im Wesen jener Völker ausmachte. Eine durchgreifende Kraft hatte das Reformationsstreben nur in Deutschland, wo aller Staatsklugheit spottend selbst die Protestanten sich in feindliche Parteien theilten und lange Zeit Glaubensformel gegen Glaubensformel, Symbol gegen Symbol kämpfte. Und heute sind trotz der Lehre von Kraft und Stoff die religiösen Fragen wiederum in Deutschland aufgetaucht; ein zümender Kampf tobt für und gegen das Bestehende — also ist alles Andere eher vorhanden, als Gleichgültigkeit gegen Glaubensfragen! Ein gleiches Verhältniß zur Religion ist bei dem Juden zu finden. Er, dem man vorwirft, der augenblickliche Stutzen gelte ihm als das Höchste, spricht das Wort des Abfalls nicht aus. Die Rechnung wäre doch für einen Nützlichkeitsmenschen so einfach! Auf der einen Seite Tod, Verbannung, Plünderung, Spott, Erniedrigung, und das Alles nur für die Bewahrung eines geistigen Gutes; auf der anderen Seite bei Geneigtheit zum Abfall ruhiges Wohnen im Lande, ungestörter Besitz des Erworbenen, ja, hohe Aemter in Hülle und Fülle! Und trotzdem traten im Verhältniß nur Wenige über; die überwiegende Masse zog alle Leiden dem Abfalle vor. Die Hunderttausende von Märtyrern konnten nicht einmal auf eine einstige Heiligenverehrung rechnen; sind doch die Namen der Meisten unbekannt geblieben. Zu derartigen Gedenkfeiern hat das Judenthum, wie sie wohl wußten, weder Raum noch Steigung! Und heute, in der Welt des Stutzens und der Selbstsucht — weshalb rechnet der Jude jetzt nicht besser? Was bietet ihm sein Judenthum Anderes als Verkennung und Zurücksetzung? Und trotzdem dieser Abscheu gegen die Fahnenflucht, gleichviel, welcher Richtung der Jude auch angehört! Gilt dies als Trotz und Verblendung, so müssen wir darauf verweisen, daß den Römern die christlichen Märtyrer ebenso trotzig und verblendet vorkamen und daß König Philipp die Glaubenskämpser der Niederlande ähnlich beurtheilte. Der Rath, als Judenthum von der Bildsiäche zum Besten der Welt zu verschwinden, ist uns schon von Antiochus mit gleichem Recht und Unrecht gegeben worden. Hätten wir den Rath befolgt, wo wäre heute das Christenthum? Nach dem Austauchen des letzteren wurde das Judenthum für entbehrlich hingestellt und