Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 3 (September 1895)
- Article
- Deutsche und Juden
- Date
- 1895-09-01
- Page
- 122 (sequence 8)
- Language
- German
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122 )m deutsche» Reich. Geistesstrebens erkennen. Beiden mag man zu Zeiten schmeichelnd beikommen, greift man sie aber an, so besinnen sie sich auf sich selbst und werden sich selbst getreu. Zur Selbstvergötterung sind demnach Beide nicht geschaffen. Mag der Deutsche die Herrlichkeit deutschen Wesens verkünden, mag der Jude reden von der Hoheit seines Schriftthums, von der Festigkeit seiner Glaubensgenossen; immer wird dies nur der Zoll der Nothwendigkeit sein, den er damit abzutragen gedenkt. Der sogenannte Chauvinismus liegt ihnen fern; treffend sagte davon Kaiser Friedrich in Königsberg: „Wie das Wort, so ist die Sache dem Deutschen fremd!" Deshalb ist auch die deutsche Literatur eine Heimstätte für die Leistungen aller Völker; sie hat nicht gefürchtet, durch Anerkennung der fremden Trefflichkeit den eigenen Geist zu tödten. Und ist es in dem jüdischen Schriftthum anders? Zaunpfähle gegen das Eindringen nichtjüdischen Wissens wurden errichtet, aber immer wieder schnell beseitigt. In finsteren Jahrhunderten vermittelten gerade die Juden das wissenschaftliche Gut und wirkten für die Belebung des Geistesstrebens, wo es zu erstarren drohte. Welche Kläglichkeit, darin einen Mangel an selbstständiger Schöpferkraft zu sehen! Ueberreich ist die deutsche Literatur an fremdländischen Einflüssen; die Deutschen sind unter den Uebersetzern am stärksten und besten vertreten. Die erste bekannte Uebersetzung, die „Septuaginta", stammt von Juden; diese sind auch in späterer Zeit bei der Vermittelung fremden Geiüesgutes besonders eifrig gewesen. Und vergeffen wir den religiösen Grundzug im Deutschen und im Juden? Daß Beide ohne Beziehung zu etwas Höherem nicht leben können, hat die gesammte bisherige Entwickelung der Dinge gezeigt. In Sachen des Glaubens ließ der Deutsche nie mit sich scherzen. Schwer war er seinen alten Göttern abwendig zu machen — nannte er aber eine Religion die seine, so versenkte er sich darin mit der ganzen Gewalt seines Geistes, und Alles um ihn herum erhielt die Farbe des Glaubens. In Italien und Frankreich rief am Ende des Mittelalters die Wiedergeburt der Künste und Wissenschaften eine Denkart hervor, die dem gläubigen Streben geradezu entgegengesetzt war. Diese Länder hatten ihre Resormationseiferer gehabt, bevor sich in Deutschland Aehnliches regte. Diese Bewegungen hatten sich aber unterdrücken lassen, weil