Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 3 (September 1895)
- Article
- Deutsche und Juden
- Date
- 1895-09-01
- Page
- 124 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316604-2316607-2317454--00199-2317528- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
124 3m deutschen Reich. doch hat die Reformation an nichts Anderes erfolgreicher anknüpfen können als an die Bibel, unser Schriftthum! Wie für den Deutschen, so ist es auch für den Juden Lebensbedingung, so daß er nicht auf die Dauer gegen die Religion gleichgiltig bleiben kann. Also auch hier eine Gemeinsamkeit trotz der scheinbaren äußeren Verschiedenheit! Wir haben mit allen diesen Ausführungen nur Andeutungen in großen Zügen gegeben, deren Ausführung dem Einzelforscher überlaffen bleiben muß. Es ist schon ein großer Vortheil, wenn unsere Gegner sich mit der Widerlegung von Anschauungen befassen muffen, welche ihren alleinseligmachenden Satz von der grundsätzlichen Verschiedenheit zwischen germanischem und semitischem Wesen bedrohen. Bei dem Gedankenkampfe dürfen wir aber nicht einseitig nach Lichtseiten im Judenthum suchen, welche uns zu vollkommenen Menschen machen. Vielmehr müssen wir gründlich an unserer Veredelung arbeiten, dabei aber unser Anrecht betonen, mit menschlichem Maaße gemeffen zu werden, nicht bester sein zu müssen als Andere. Dann wird man vielleicht aufhören, uns eine besondere Beurtheilung zukommen zu lassen. Bieten wir Thatsachen, kein Spiel mit geistreichen Redensarten. Wenn wir mit Zähigkeit den Satz widerlegen „Der Jude ist körperlich und geistig ewig ein Fremder in unserer Mitte", dann zwingen wir die gelehrten Schreier im judenfeindlichen Lager, für eine ihrer häufigsten und wirksamsten Behauptungen den Beweis zu erbringen. Hören wir nicht auf, für die Anerkennung des Wortes zu kämpfen, das ja auch ein Deutscher, und nicht der schlechteste, ausgesprochen, des Wortes, welches in Israel immer wiederklang, und welches Goethe bei seinem Wunsche nach Anerkennung der Weltliteratur zum Ausdruck brachte: Gottes ist der Orient, Gottes ist der Dccibent! Ludwig Rosenthal. Pr. Stargard.