Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 3 (September 1895)
- Article
- Deutsche und Juden
- Date
- 1895-09-01
- Page
- 121 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsche und Juden. 121 Gedanke konnte Deutschland in allen Tiefen aufregen, — dann aber verlangte der einzelne Deutsche für sich die Freiheit des Sonderstrebens. Er sträubte sich gegen jede zu strenge Einordnung in ein großes staatliches Ganze, löste das einstige große Kaiserthum in lauter winzig kleine selbstständige Flecken auf — und unterdrückt ist dieses Streben im Deutschen auch jetzt nicht. Die anderen Staaten gelangten am Ende des Mittelalters durch oft gewaltsame Mittel zur Einheit; in Deutschland war selbst Karl V. nicht mächtig genug, um seinen Traum vom Reiche Karls des Großen in Erfüllung gehen zu lasten. Der Deutsche opfert nicht einmal der staatlichen Größe seinen Zug zur Selbstständigkeit. Ist er deshalb ein schlechter Staatsbürger? Auch hierbei ist ihm der Jude gleich, dem die Freiheit des Jchs seit der egyptischen Vorzeit anhaftet. Auch bei ihm war der Einzelne stets geneigt, seine Besonderheit zu wahren. Nicht leicht gelang es einer großen Persönlichkeit, sich im alten jüdischen Staate unbedingte Anerkennung zu schaffen. Bald fand der Denkgeübte die Sonnenflecken heraus, während er die größten Leistungen als selbstverständlich hinnahm. Das beweisen die Zeilen des ersten und des zweiten Tempels, die Schulen Palästinas und Babylons, das hat sich bis auf die Tische unserer neuzeitlichen Gemeindevertretungen übertragen. Immer derselbe deutsche Zug, Richtungen und Parteien zu sondem, dieselbe Furcht, das Recht zum Selbstdenken durch Hingabe an das Gemeinsame zu verlieren! Diese Eigenart wirkt unter einem starken zusammenhaltenden Staatswesen nur vortheilhaft, denn sie schützt die Menschen davor, zu Schattenbildern zu erblassen. Die Fülle selbstständiger Gedanken läßt das gesummte Volksleben nicht zur Erstarrung kommen. Merkwürdig genug, daß bei Deutschen und Juden dieser Zug zur Selbststäitdigkeit sich nur dem eigenen Kreise, nicht dem fremden gegenüber geltend macht. Dem Juden ist von seinen Propheten die Sucht, Fremdes nachzuahmen, häufig vorgeworfen worden. Und der Deutsche? Hat er geistig nicht oft genug unter Fremdherrschaft geschmachtet? Zu denen, die zuerst den Deutschen vorwarfen, daß sie ihr eigenes Gold französischem Flitter gegenüber mißachteten, gehörte Mendelssohn, der dies in einer seiner Erstlingsschriften aussprach. Der angeborene Selbstständigkeitssinn ließ Deutsche wie Juden immer wieder die Herrlichkeit des eigenen