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Im deutschen Reich · 1895-09-01 · Heft 3 (September 1895) · p. 120

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 3 (September 1895)
Article
Deutsche und Juden
Date
1895-09-01
Page
120 (sequence 6)
Language
German
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120 3m deutschen Reich. begreiflichen Drang haben, sich mindestens die Gebiete zu erhalten, die ihm belassen find; er scheut es aber auch nicht, manche Jünglinge, deren Begabung für gelehrte Berufe wohl genügend erscheint, dem Handwerk und der gewerblichen Thätigkeit zuzuführen. Dringen trotzdem noch immer zahlreiche jüdische Jünglinge in die Gebiete der Wissenschaft ein, so muß man bedenken, daß der Andrang zu den gelehrten Berufsarten im Allgemeinen immer noch zu groß ist; daß aber auch der auf's Geistige gerichtete gedankliche Zug in den Juden keine Kluft bedeutet, die sie von den Deutschen trennt, welche man das Volk der Dichter und Denker genannt hat. Das Land, aus welchem die befruchtendsten und welterschülterndften Gedanken kommen, tief und sonderbar, erhaben und eigenartig — es ist Deutschland. Dem Juden aus seiner gedanklichen Neigung ein Verbrechen machen, heißt die Waffe gegen Etwas führen, was auch von dem deutschen Wesen nicht getrennt werden kann! Der aufstrebende deutsche Geist war es, der einen Mendelssohn erstehen ließ; den Bahnbrecher Kant verstanden Juden so frühe wie irgend Jemand; die Verse Schiller's wurden iw Ghetto mit besonderer Freude empfunden. Das deutet auf Alles eher als auf grundsätzliche Verschiedenheit des Denkens. Will man heut zu Tage die Bibel uns zurückwerfen und sich ihren semitischen Einfluß auf das germanische Geistesleben verbitten, so vergesse man auch den Einfluß der Bibelübersetzung Luthers! Denke man sich die Tiefe des Goethe'schen Liedes ohne Herder's vorbereitende Aufschlüsse; denke man sich Herder's Werk vom Geiste der hebräischen Poesie fort! Thatsächlich haben die Weisheitssprüche der Propheten und die Psalmen nirgends tiefer als in Deutschland gewirkt, wo die Bibelwissenschaft am stärksten blüht. Am vorigen Geburtstage des Kaisers sprach es der Rektor der Berliner Universität, Professor vr. Pfleiderer, unter gleichzeitiger kräftigster Betonung des deutschen Gedankens unverhohlen aus, daß die Bibel aus der Geistesentwickelung Deutschlands nicht fortzudenken ist. Die Empfindungen haben den Deutschen öfter bestimmt als das nüchterne Denken an die Vortheile des Augenblicks; dabei hat er sich das Recht, seine Gedanken eigenthümlich auszuspinnen, selbst bei äußerem Drucke, selbst wo er scheinbar den Rückschrittsbestrebungen nachgab, nicht nehmen lassen. Ein großer zündender

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