Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 3 (September 1895)
- Article
- Deutsche und Juden
- Date
- 1895-09-01
- Page
- 118 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2316602-2316604-2316607-2317454--00193-2317522- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
118 Im deutschen Reich. und verdenken es demselben, wenn er zeigen will, daß er den Werth einer Heimath empfindet! Ein anderer Einwand gegen die Gleichheit der Juden mit den übrigen deutschen Staatsbürgern ist der, daß man elftere immer gehaßt habe. Es werden Aussprüche bedeutender Männer aus den verschiedensten Jahrhunderten gesammelt, welche abfällige Urtheile über das Judenthum und die Juden enthalten. In alten Liedern und Sagen sieht man den Wiederschein der ungünstigen Volksstimmung, in harten Gesetzen und Verordnungen den Ausdruck der unfreundlichen Gesinnungen der damaligen Herrscher und Staatsmänner gegen die Juden. Es fehlt aber auch nicht an Zusammenftcllnngen völlig entgegengesetzter Aenßerungcn, welche beweisen, daß cs zu allen Zeiten Wohldcnkende und Billiggcsinnte gegeben hat, welche über die Juden ganz anders dachten! Wir sind gehaßt worden; es wurden einst von den Geißelbrüdern und den Folterern der Glaubenügerichte Thatcn gegen uns verübt, deren sich die Menschheit schämen müßte. Und das wird als ein Beweis für unsere Verwerflichkeit angeführt? Die dunkeleit Triebe wilder Volksmassen, denen durch geschickte Aufreizungskünste jede beliebige Richtung gegeben werden kann, werdet! als Ausfluß sittlicher Entrüstung oder eine dunklere Ahnung vorl der tiefeil Gegeilsützlichkeit beider Theile gegen unü in's Feld geführt! Und Deutsche urtheilen so? Hat man denn die Deutschen zu jeder Zeit geliebt? Von deiil Augenblicke an, in welchem der iwrror oimbriuu.s zum ersten Male die Römer erschütterte, bla zur Neuzeit haben die Deutschen wahrlich genug Gegensätzlichkeit in der Welt erfahren. Gerade der Deutsche ging als Kaufmann in die verschiedensten Länder der Erde; er setzte sich überall fest und suchte Vortheile zu erlangen. Wie erging es dem Stahlhofe in London, der Hansa in Nischnei- Rowgorod, wie den Deutschen im ehemaligen polnischen Reiche? Nachdem man die Deutschen lange in Polen hatte ruhig gewähren lassen, regten sich die slavisch-germanischen Gegensätze und man vernahm dieselben Redensarten gegen die Deutschen, wie man sie heute in Deutschland gegen die Juden hört. Die Wojwoden sprachen von einem Staat im Staate, von fremdem magdeburgischem Recht, von der Oberherrschaft des Gastvolkes. Die gediegene deutsche Bürgerkraft wird nun zurückgedrängt; immer tiefer sinkt das einst blühende