Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1895-09-01 · Heft 3 (September 1895) · p. 117

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 3 (September 1895)
Article
Deutsche und Juden
Date
1895-09-01
Page
117 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2316602-2316604-2316607-2317454--00192-2317521
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Deutsche und Juden. 117 aber gerade der Deutsche dazu, hierin einen Gegensatz zu seinem Wesen zu suchen? Gerade der Deutsche ist und war stets von dem Wandertriebe erfüllt, welcher bei ihm wohltönender „der Zug in die Feme" genannt wird. Ohne den germanischen Wandertrieb hätte aus den Trümmem des römischen Reiches sich nichts Neues mit gesunder Kraft entwickeln können, ohne ihn hätte die Weltgeschichte eine völlig andere Wendung genommen. Der Germane wurde nie vollkommen eins mit den natürlichen Bedingungen des Bodens, sondern bewahrte ihm gegenüber seine persönliche Freiheit. Wer entschließt sich noch heute leichter dazu, seine Heimath aufzugeben, und das ihm im Vaterlande nicht erblühte Glück außerhalb zu suchen, als der Deutsche? Darf man deshalb behaupten, er liebe Deutschland nicht? Komme man in die verschiedensten Länder der Erde, überall wird man Deutsche finden! Wäre das Nomadenthum wirklich mit dem Wesen des Juden verknüpft, so müßte der Deutsche darin eine Geistesverwandtschaft erblicken! Ursprünglich war der Jude seßhaft; seine Sehnsucht ging dahin, unter dem Weinstocke, oder dem Feigenbäume zu weilen und ruhig Ackerbau zu treiben. Nach der Heimath sehnte sich der Psalmendichter, wenn er in der Verbannung nächtlich von Hermon die Jordanquellen niederrauschen hörte. Noch heute liegt im Wesen des Juden eine solche Anhänglichkeit. Der Spaniole, der Abkömmling der vor Jahrhunderten aus Spanien vertriebenen Juden, spricht noch heilte in fernen Ländern spanisch und erblickt in der pyrenäischen Halbinsel noch immer den Stolz seiner Erinnerungen, trotzdem die von dort Vertriebenen in der Türkei, in Holland und England längst eine bessere Heimath gesunden haben. Die Nachkoinmen der vor Jahrhunderten aus Deutschland nach Osten versprengten Juden sprechen noch heute die Sprache Derer, welche ihre Vorfahren verfolgt und vertrieben haben. Die Sehnsucht nach dem Boden der Erinnerungen ist die Sehnsucht nach einer festen Heimath! Dem Juden ist das Wandern durch Verfolgungen aufgezwungen worden; bei ihm war es nur eine Folge harter geschichtlicher Nothwendigkeit. Der Uebergang zur Seßhaftigkeit konnte bei ihm nicht mit der glücklichen Unbewußtheit desjenigen vor sich gehen, der nie zimi Wandern gezwungen war. Nun blicken die Eingeborenen spöttisch auf das stürmische Entzücken der neuen Bürger

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.