Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 3 (September 1895)
- Article
- Reichstagswahlen in der Ostmark
- Date
- 1895-09-01
- Page
- 109 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316604-2316607-2317452--00182-2317513- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Reichstagswahlen in der Ostmark. 109 Da der „Verein zur Förderung des Deutschthums in den Ostmarken", zu welchem Herr v. Dziembowski hält, sich bisher von judeufeindlichen Bestrebungen freigehalten hat, haben die jüdischen Wähler des Kreises Meseritz-Bomst ohne Weiteres so stimmen können, daß sie dabei ihre deutsche Gesinnung nicht verleugneten. Daß sie eine solche Gesinnung in der Stunde der Entscheidung bewährten, verdient immerhin Anerkennung, denn sowohl im geschäftlichen wie im gesellschaftlichen Verkehr erweisen sich die meisten katholischen Polen den Juden der Provinz Posen gegenüber zugänglicher als ein großer Theil der evangelischen deutschen Bevölkerung. Das Verhalten des polnischen radikalen Hetzblattes „Post?p", welches wiederholt nach bekannten Mustern zur Boykottirung der jüdischen Geschäftsleute aufforderte, ist von der vornehmeren polnischen Bevölkerung entschieden mißbilligt worden, und dieser hat es der„Post?p" wahrlich nicht zu danken, daß eine solche widerliche Aufforderung straffrei blieb. Ist doch auch der von einem Deutschen längere Zeit aus dem Wochenmarkte in Wollstein mit der Vertheilung von solchen Flugblättern getriebene grobe Unfug nicht bestraft worden, trotzdem dort dadurch wahrscheinlich noch größerer Schaden verursacht wurde. Das Verhalten der 3601 antisemitischen Wähler des Kreises Meseritz-Bomst wird den dortigen Juden sicher minder angenehm sein als dasjenige der polnischen Bevölkerung. Der Satz: „Wir betrachten die katholischen Feinde nicht als Feinde, sondern als Gegner" ist deshalb für die Juden weit zutreffender als für die Antisemiten! Politische Gegner der Polen sind die deutschen Juden allerdings und müsien sie sein, trotz aller Anerkennung der ritterlichen Manieren und sonstigen guten Eigenschaften der Polen. Die Juden lieben ihr deutsches Vaterland, auch wo dieses ihre Liebe nicht gebührend erwidert. Bei ihnen gilt' Deutschland gegenüber der Satz: „Wenn ich Dich liebe, was geht es Dich an?" Die deutsche Sprache ist ihre Muttersprache, deutsches Wißen die Grundlage ihrer Bildung und ihrer Erfolge; deutsche Dichtkunst und Musik verschönen ihr trauliches Familienleben. Dort, insbesondere bei der Erziehung ihrer Kinder, bewähren sie eine kerndeutsche Gesinnung, die vollste Werthschätzung des wahren Dents«bthums, nicht auf der Bierbank und nicht bei dem Johlen einer Radau-Versammlung. Für das echte Deutschthum, nicht für jenes.