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Im deutschen Reich · 1895-09-01 · Heft 3 (September 1895) · p. 102

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 3 (September 1895)
Article
Zum 2. September
Date
1895-09-01
Page
102 (sequence 6)
Language
German
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102 Im deutschen Reich. ein erquickende- Bild entwirft, bemerkt, daß bei ihnen gute Sitten mehr vermochten als anderswo gute Gesetze. Und noch heute waltet im deutschen Volke jener gesunde Sinn, der Tugend und Sitte als das einzig Wahre und Schöne und Gute preist. Diesen Sinn stets lebendig zu erhalten, ihn zu wecken, wo er schlummert, ihn zu stärken, wo er ermattet, das wird unserem Volke seine Kraft bewahren. Wie aber, fragen mir nun, wäre dieses große Ziel zu erreichen? durch welche Mittel und Wege gelangt unser Volk zur gedeihlichen Entwickelung seines Lebens? Da wäre vorerst zu nennen die innere Einigung. Wir meinen nicht die verschmelzende Vereinigung, sondern die Vereinbarung, die auf Uebereinkommen beruhende Einigung. Nur in der Verschiedenheit kann sich ein einheitliches Bild entfalten, nur in der gegenseitigen Ergänzung kann ein volles, ganzes Leben zur Erscheinung gelangen. Es ist beklagenswerth, daß verschiedene politische Anschauungen zu einer Entfernung und Entfremdung führen, so daß ein politischer Haß sich herauszubilden vermag. Das kann nur dann möglich werden, wenn das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit schwindet, wenn man in dem Andersdenkenden und Andersfühlenden schon seinen Gegner schaut. Achtung vor jeder Ueberzeugung, wenn sie eine ehrenhafte und rückhaltslose ist! Respekt vor jeder tüchtigen Gesinnung und Handlung, wenn sie auch mit der unsrigen nicht übereinstimmt! das führt uns zu politischer Reife, zu einem einigen Volk von Brüdern, wie verschieden wir auch geartet sein mögen. Was nützt es, wenn wir blos nach außen hin geschloffen und geeinigt zusammengehen — die achtunggebietende, wohlwollende Einigung für das innere Heil des Vaterlandes ist unsere erste Pflicht. Es darf nicht immer erst ein Krieg eine Aufforderung für uns sein, uns zu besinnen und uns wieder die Hände zr reichen, um dann in gemeinsamer Begeisterung hinauszutreten. Das Wort jenes Kriegers: hier kommt Niemand durch! muß auch für uns im Frieden gelten. Jeglicher, der gegen unsere Einigkeit ankämpfen will, indem er die Parteien gegeneinander hetzt, und uns zu zersplittern trachtet, um selbstsüchtige Pläne auszuführen, muß an unsrem einigen Volksgeiste zerschlagen. Die innere Einigung thut uns Noth, zu der uns aber nichts mehr verhilft als das Bewußtsein der Zu-

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