Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 2 (August 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-08-01
- Page
- 84 (sequence 4)
- Language
- German
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84 )m deutschen Reich. seine Beseitigung abzielende Angriffe erfahren habe." Da die jüdischen Zeitungen den Namen des Dahingeschiedenen niemals erwähnten, irgend ein Redakteur eines politischen Blattes keine Besugniß hat, im Namen der Juden zu sprechen, ist es unverständlich, welche Blätter eigentlich unter der „Judenpresse" zu verstehen sind, die solche Angriffe unternommen haben soll. Todte können sich dagegen nicht wehren, von den Antisemiten als Gesinnungsgenossen reklamirt zu werden! Verfiel diesem Schicksal doch auch der große Reformator Martin Luther, trotzdem derselbe im Jahre 1523 das Buch veröffentlichte: „Daß Jesus Christus ein aeborner Jude sey" und in diesem Buche gegen die „Tölpel" eiferte, „die mit den Juden gehandelt, als wären sie Hunde und nicht Menschen". Er schrieb darin: „Drum wäre mein Bitt und mein Rath, daß man säuberlich mit ihnen umgehe und aus der Schrift sie unterrichtet. Will man ihnen helfen, so muß man christlicher Liebe Gesetz an ihnen üben, sie freundlich annehmen, mit lassen werben und arbeiten, damit sie Ursache und Raum gewinnen, bei uns und um uns zu sein." Allerdings hat Luther später den Juden viel Böses nachgesagt und sie in den stärksten Ausdrücken verurtheilt. Das geschah aber im höheren Lebensalter, unter körperlichen und seeliscben Anfechtungen, zu derselben Zeit, in welcher er sich mit den Humanisten überwarf, dem englischen König Heinrich VIII. Abbitte leistete, dem in der Schlacht gefallenen Zwingli die Seligkeit absprach und gegen die zur Verzweiflung getriebenen Landleute in der Schrift „wider die räuberischen und mörderischen Bauern" eiferte. In dem dankbaren Gedächtniß der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens lebt nur der jugcndkräftige, freiheitlich gesinnte Verfasser des Werks „Daß Jesus ein Jude sey", welches den protestantischen Predigerssohn Gotthold Ephraim Lessing dazu anregte, dem Klosterbruder im Drama „Nathan den Weisen" die Worte in den Mund zu legen: „Es hat mich oft geärgert, daß Christen gar so sehr vergessen konnten, daß unser Herr ja selbst ein Jude war!" Genügte dies schon für deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, an der feierlichen Enthüllung des Lutherdenkmals in Berlin Antheil zu nehmen, so hatten sie doppelten Grund dies zu thun in einer Zeit, in welcher Angriffe auf das alte Testament straflos bleiben. Uns ist der Luther der Wartburg, der Streiter für Denk- und Glaubensfreiheit, unvergeßlich als der Uebersetzer der Bibel, welcher besonders durch seine meisterhafte Uebertragung der Psalmen die hebräische Poesie volksthümlich machte, als der große Sprachkünskler, welcher es nach den Worten von Hans Sachs bewirkte, „daß die Deutschen den lieben Gott nunmehr deutsch reden hörten". Das haben nicht erst die Juden anerkannt, welche vor Kurzem zur Enthüllung des Lutherdenkmals in Berlin ihre benachbarten Häuser festlich schmückten, vielmehr betheiligten sich schon am 18. Fe-