Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 2 (August 1895)
- Article
- Die Erziehung zur produktiven Arbeit
- Date
- 1895-08-01
- Page
- 62 (sequence 5)
- Language
- German
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62 Hm deutschen Reich. fabrikmäßigen Waarenerzeugung nur darauf angewiesen, seinen Betrieb zu verbessern, bezw. durch Motoren zu erleichtern. Der erfolgreiche Handwerker nimmt jetzt eine höchst geachtete Lebensstellung ein. Nicht minder beneidenswerth ist der Landwirth, der theoretisch und praktisch ausgebildet, einen wenn auch kleinen aber schuldenfreien' Grundbesitz vortheilhaft auszunutzen versteht. In Bezug auf die Nothlage der Landwirthe verweisen wir auf die beherzigenSwerthen Worte einer jüdischen Zeitschrift: „Wir glauben, unsere Hausirer wären unendlich glücklich, wenn sie mit den selbstständigen Bauern tauschen könnten, die im bescheidenen Genüsse eines kleinen aber sicheren Besitzes ein ruhiges, zufriedenes und von Nervenabspannungen freies Leben führen." Das Verwachsen mit der heimathlichen Scholle ist für die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht nur eine wirthschaftliche, sondern auch eine religiöse Forderung. Ihre Urväter waren Hirten, Ackerbauer oder Handwerker und überließen den Handel den Phöniziern, Griechen und Arabern. Die mosaische Gesetzgebung war vorzugsweise für eine landwirthschaftliche Bevölkerung bestimmt; einer handeltreibenden Bevölkerung wären die Jubeljahre, die Feldabgaben und das Zinsverbot sehr hinderlich gewesen. Die biblische Geschichte und eine ganze Reihe alttestamentlicher Sprüche beweisen die hohe Werthschätzung der Handarbeit, besonders aber der Landwirthschaft. Viele Talmudtraktate beziehen sich auf die Bodenkultur; ein großer Theil der im Talmud erwähnten Rabbiner trägt Handwerker-Bezeichnungen. Auch außerhalb Palästinas blieben die Juden der produktiven Arbeit treu, so lange dieselbe ihnen gestattet wurde. Sie beschäftigten sich im Mittelalter in Griechenland mit Seidenraupenzucht und Seidenspinnerei, in Frankreich mit Weinbau, in Italien mit mechanischen Arbeiten, deren Mangel der spanische Statthalter in Sicilien befürchtete, als Ferdinand der Katholische am Ende des 15. Jahrhunderts die Austreibung der Juden anbesahl. In Meißen betrieben sie Garten- und Feldbau, bis im Anfang des 13. Jahrhunderts die zu ihrem Wohnsitze, dem „Novum, forum“, gehörigen landwirthschaftlichen Grundstücke christliches Eigenthum wurden. Auch heut zu Tage giebt es noch jüdische Landwirthe und Gärtner, z. B. im Banat, wo sich viele jüdische Familien mit Obstzucht und Ackerbau erfolgreich beschäftigen. 'Nach der preußischen Berufsstatistik sind bei der letzten