Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 2 (August 1895)
- Article
- Die Erziehung zur produktiven Arbeit
- Date
- 1895-08-01
- Page
- 60 (sequence 3)
- Language
- German
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60 Im deutschen Reich. wie deren jetzt so viele in Deutschland vorhanden sind, so würde es vielleicht viel beffer um ihre Sache stehen und die halbe Million deutscher Staatsbürger . jüdischen Glaubens möglicher Weise eine Phalanx bilden, welche ihren Angreifern Respekt einflößte. Derartiges ist aber eben so wenig vorhanden, wie eine durchschnittliche ansehnliche Wohlsiandsziffer. In einzelnen deutschen Großstädten ist die Wohlstandsziffer der Juden nur deshalb eine sehr günstige, weil die Wohlhabenden die kleinen Städte und die Dörfer verlassen, wo sic von dem wirthschastlichen und gesellschaftlichen Boykott weit schärfer betroffen werden. Daß die Juden in Deutschland in der Hauptsache ohne ihre Schuld an der Bodenkultur und dem Handwerk nur vereinzelt theilnehmen, daß sie trotz der in dem Reichsgesetz vom 3. Juli 1869 klar und deutlich ausgesprochenen völligen Gleichstellung heute auf dem fast unkontrolirbaren Verwaltungswege von zahlreichen anderen Berufszweigen ganz oder doch mit geringen Ausnahmen ausgeschlossen werden, gereicht ihnen zu besonderem Unheil. Die auch zahlreichen christlichen Eltern bange Sorgen verursachende Berufswahl der Knaben gestaltet sich durch die enge Begrenzung der erreichbaren Erwerbszweige für jüdische Familien besonders schwierig. Liegt bei der raschen Frequenz-Zunahme der höheren Lehranstalten die Gefahr eines „Proletariats der Halbgebildeten" im Allgemeinen nahe genug, so scheint es besonders bedenklich, jüdische Knaben studiren zu laffen, welche nur halbwegs befähigt sind, oder in Folge finanzieller Verhältnisse geringe Aussichten haben, ihre Studien vollenden zu können. Kaum minder bedenklich ist es, Knaben, welche nicht für das Geschäftsleben besonders befähigt sind und nicht die heute für dasielbe unentbehrlichen umfänglichen theoretischen Kenntnisie besitzen, dem Kaufmannsstande zuzuführen. Auch unter den Juden giebt es Leute, welche nicht für den erwählten Beruf taugen und deshalb sich zu den Unzufriedenen schaaren. Auch die Familien der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens muffen das Wort Rückert's beherzigen: Vor Jedem steht ein Bild des, was er werden soll; So lang er das nicht ist, wird nicht sein Frieden voll! Gebieterisch drängen die Verhältnisse dahin, die israelitische Jugend auf andere Berufszweige hinzuweisen, als auf diejenigen, welche sie bisher vorzugsweise zu erwählen pflegte. Das Unglück