Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 2 (August 1895)
- Article
- Die Lage in Wien
- Date
- 1895-08-01
- Page
- 55 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Lage in Men. 55 Unwillkürlich denkt man bei solchen Vorgängen an das Mephistophelische „Nur zugestoßen! Ich parire" Wegen derselben Affäre Deckert wurde das Ministerium vom Abgeordneten Wrabetz interpellirt, und Ministerpräsident Fürst Windischgrätz antwortete in der Sitzung vom 28. Mai 1894 u. 21: „Ich beehre mich, ferner zur Kenntniß des hohen Hauses zu bringen, daß ich nach der Einbringung der Interpellation es überdies für angemeffen erachtet habe, mit derjenigen hierarchischen Behörde ein Einvernehmen zu suchen, welcher der genannte Seelsorger bezüglich seiner beruflichen Thätigkeit untergeordnet ist. Nach dem Eindrücke, den ich gewonnen habe, und nach den Mittheilungen, welche mir seitens des hochwürdigsten fürsterzbischöflichen Ordinariates zugekommen sind, bin ich in der Lage zu erklären, daß dem in der Interpellation beregten Vorgänge seitens der genannten Behörde keineswegs gleichgiltig gegenübergestanden worden ist (sic). Das hochwürdigste fürsterzbischöfliche Ordinariat hat zwar zu einem Vorgehen auf Grund der kirchlichen Gesetze einen Anlaß nicht gehabt, den Pfarrervr. Deckert jedoch angewiesen, künftighin bei Predigten der Heiligkeit des Amtes und Ortes stets eingedenk zu sein." Schließlich erklärte der Ministerpräsident, „daß die Regierung ihrem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck geben müßte, wenn von Seite einer mit dem ernsten Amte eines Seelsorgers bekleideten Persönlichkeit bei einer gottesdienstlichen Handlung Töne leidenschaftlicher Unduldsamkeit angeschlagen worden wären, welche an lebhaft erörterte Parteisragen des öffentlichen Lebens anklingend zumal in der gegenwärtigen von den verschiedensten Erregungen erfüllten Zeit geeignet sein müßten, eine ohnehin in weiten Kreisen vorhandene Beunruhigung zu steigern." So sprach der Minister der „Wahrheit und Offenheit" von einen! unzweifelhaft stattgehabten Vorgänge in hypothetischer Form und gebrauchte die gewundensten Umschreibungen, um nur ja nicht die Antisemiten zu verletzen. Anstatt gegen sie wie gegen die Sozialdemokraten, wenn nicht die Gerichte zur Bestrafung, wenigstens die Polizei zur Vorbeugung in Thätigkeit treten zu laßen, wandte er sich hilfeflehend au den Erzbischof. Und mit welchem Erfolge?