Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 2 (August 1895)
- Article
- Die Lage in Wien
- Date
- 1895-08-01
- Page
- 56 (sequence 11)
- Language
- German
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50 Im deutscheit ^eich. Ob das erzbischöfliche Ordinariat dem Pfarrer die versprochene Anweisung gegeben hat, wissen wir nickt; Thatsache aber ist, daß Pfarrer Dcckert in diescin Jahre noch heftigere, gegen die Inden noch aufreizendere Predigten gehalten hat, und der Miuisterpräsidcut hatte wieder Gelegenheit, sein „Bedauern" auSzudrücken und im Verein mit der kirchlichen Behörde — nicktS zu thun! Ebenso antwortete der gewesene Ministerpräsident einer Deputation des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus im Januar dieses Jahres: „Die Negierung ball sich klar vor Augen, das; jeder gesetzlich anerkannten Kirche und Religionsgescllschast ohne Unterschied das volle Ausmaß der staatsgrundsätzlich ihr gewährleisteten Rechte gebührt, daß sonnt auch die berufenen staatlichen Organe die Pflicht haben, allen solchen Kirchen- und Religionsgesellschaften — daber auch der mofuifchou, deren Mitglieder Ihr Verein geschützt wissen will — erforderlichen Falls den gesetzlichen Schutz angedeihen zu lassen." Mit dieser orakelhaften Antwort mußte sich die Deputation zufrieden geben. Jn'o Dcutscke übersetzt heißt die Antwort ungefähr soviel, daß der Gesammtheit der Juden nicht an Leib uird Leben gegangen werden soll. Bis zum Rücktritt des Koalitionsministeriums ist auch wirklich kein Jude todtgeschlagen oder anogeraubt worden, auch Pfarrer Deckert hat ungehindert Hetzen können, der „erforderliche Fall" scheint also nicht eingetreten zu sein. Freilich in anderem Sinne ist er doch eingetreten — der Fall dieses Ministeriums der „Wahrheit und Offenheit" war wirklich erforderlich, mehr vielleicht für Oesterreich und die Deutschliberalen, als für die Juden. Was wird nun geschehen? Das neue Ministerium ist noch eine unbekannte Größe, aber wir glauben, daß es jedenfalls nicht schlimmer werden wird. Steht doch ein Protestant an dessen Spitze, und wenn es auch in protestantischen Landern nicht an Antisemitismus fehlt, so ist das doch ein Luxus, den sich die Protestanten in katholischen Ländern nickt gönnen sollten. Fürst Bismarck hat einmal den Freisinn die Vorfrucht der Sozialdemokratie genannt, mit mehr Berechtigung könnte man den Antisemitismus in Staaten mit überwiegend katholischer Bevölkerung die Vorfrucht des AntiprotestantiSmus nennen.