Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 2 (August 1895)
- Article
- Die Lage in Wien
- Date
- 1895-08-01
- Page
- 54 (sequence 9)
- Language
- German
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54 Im deutschen Reich. immer stärker geworden. Das Wachsthum beider einander entgegengesetzter Bewegungen erklärt sich aus der immer stärker werdenden Theilnahme sonst indifferenter Volksklassen am politischen Leben. Aber während die Sozialdemokratie von der Regierung gehemmt und bekämpft wurde, erfreuten sich die Christlichsozialen der weitgehendsten Duldung und Förderung. Und dies ist unter dem Ministerium der Koalition nicht anders geworden als unter dem Taaffe'schen; für die Juden subjektiv noch kränkender, da sie von dem Ministerium, das die Bekämpfung der extremen Parteien auf sein Programm setzte, „Offenheit und Wahrheit" zur Devise nahm, erwartet hatten, daß es auch offen rmd ehrlich seinem Programme gemäß handeln werde. Las man die Hetzblätter der Antisemiten, so konnte man glauben, daß in Oesterreich nordamerikanische Preßfreiheit herrsche, ein Glaube, der freilich durch die Konfiskationen sozialdemokratischer oder die Juden vertheid,igender Blätter zerstört wurde. Bon geistlicher und weltlicher Obrigkeit ungestört, konnte von der Kanzel gegen die Juden gehetzt werden, und es bedurfte wiederholter Mahnungen und Interpellationen, um die Regierung zu einem Anschein von Repression zu bewegen. Als Pfarrer Decken, nicht wegen seiner aufreizenden Predigten, sondern wegen Verleitung von Schulkindern zu unerlaubter Kolportage, vor Gericht stand, wurde er zu einer geringen Geldstrafe verurtheilt, weil der Richter seine „bisherige Unbescholtenheit" als mildernden Umstand annahm. Dazu bemerkte die „ R e u e freie Presse": „Eigenthümlicherweise war es dem Richter nicht bekannt, daß Pfarrer Deckert (der sich für unbeanstandet ausgab) in einem Schwurgerichtsprozeffe, welcher doch großes Aufsehen erregte, im Vereine nüt Paulus Meyer wegen Ehrenbeleidigung verurtheilt wurde. . . . Ebensowenig schien der staatsanwaltliche Funktionär eine Ahnung von dem Prozesse Deaert-Meyer zu haben, der sich im Schwurgerichtssaale abgespielt hatte, da er ja sonst die falsche Angabe des Beschuldigten hätte korrigiren müssen." Ich habe die Namen der von der „Neuen freien Presse" genannten Beamten weggelaffen und will nur noch hinzufügen, daß seit dem Erscheinen dieses Berichts mehr als ein Jahr verflossen ist, ohne daß Richter oder Staatsanwalt das Blatt wegen Verleumdung geklagt hätten.