Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 2 (August 1895)
- Article
- Die Lage in Wien
- Date
- 1895-08-01
- Page
- 53 (sequence 8)
- Language
- German
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Die Lage in Wien. 53 Was aber die Hauptstärke des Wiener Antisemitismus ausmacht, das ist der Klerikalismus und die Begünstigung seitens der Regierung, die aber zum großen Theil Folge des Ersteren ist. Es ist eine allbekannte Thatsache, daß die Religiosität, und leider vielleicht mehr die äußerliche als die innere, im letzten Vierteljahrhundert in mehreren Staaten Europas sehr zugenommen hat, und dieser Bewegung haben sich auch manche andere Elemente des Volkslebens angepaßt. Es ist dies besonders beim Antisemitismus in Oesterreich der Fall, der, von Norddeutschland importirt, ursprünglich eine stark nationale, etwas revolutionäre, antidynastische Färbung hatte. Ich erinnere nur an die Verurtheilung Schönerer's und deren Ursachen. Damit trat auch eine Spaltung in der deutsch-liberalen in ihrer Mehrheit gut österreichischen Partei ein, die vom Ministerium Taasfe geschickt benutzt wurde. Aber ein kaiserlicher Minister konnte natürlich mit der Partei Schönerer keine Allianz schließen, und so wurde der „christlichsoziale" Antisemitismus wenn nicht vom Ministerium erfunden, doch begünstigt und großgezogen. Damit wurde von feudalklerikaler Seite ein zweiter Zweck verbunden, den man aber nicht ganz erreich! hat. Gegen das drohende sozialdemokratische Gewitter sollten die Juden als Blitzableiter dienen: sür alle Schäden der modernen Gesellschaft sollten die Juden verantwortlich gemacht werden; man zeigte sich großmüthig bereit, das „mobile Kapital" der Juden dem Volke zu opfern, um nur das immobile des hohen Adels und Klerus zu retten. So läßt sich auch auf die Quellen schließen, ans denen die antisemitischen Agitatoren die Mittel schöpften. Es ist bezeichnend, daß der bekannte Prinz Alois Liechtenstein schon auf dem österreichischen Katholikentag im Jahre 187b, an dem auch hohe Kirchensürsten theilnahmen, in heftigster Weise gegen das mobile Kapital, die „Börscnmatadore und Finanzbarone", die das Volk ausbeuten, unter allgemeinem Beifall aufhetzen und dabei zugleich triumphirend auf die Erfolge des Klerikalismus Hinweisen konnte: „Schichten der Bevölkerung, die noch vor zwöls Jahren der religiösen Gleichgiltigkeit verfallen schienen, sind durch die Idee der sozialen Reform uns theils gewonnen, theils genähert worden." Und in diesem Punkte sprach er die Wahrheit. Dabei ist aber trotz alledem die Sozialdemokratie in Oesterreich