Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 2 (August 1895)
- Article
- Die Lage in Wien
- Date
- 1895-08-01
- Page
- 52 (sequence 7)
- Language
- German
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52 Im deutschen Reich. und Mähren, obwohl die Czechen sie mit Gutem und mit Bösem zum Uebertritt bewegen wollen? Was ist aber aus der deutschen Partei geworden? Der linke nationale Flügel bekämpft die Juden, weil sie keine Arier, der rechte klerikale Flügel, weil sie keine Christen sind. Mitten drin stehen die gemäßigt liberalen Deutschen, von ihren Gegnern Judenliberale oder auch Judenknechte genannt. Wie wenig sie diesen Namen verdienen, wie lan sie sich der Juden annehmen, selbst wo die Bedrückung der Juden mit einer Verfassungsverletzung verbunden ist, das habe ich bereits auseinandergesetzt. Trotzdem werden die Juden für alle Fehler der Dentschliberalen mit verantwortlich gemacht; sie müssen einen Theil, ja einen unverhältnißmäßig großen Theil des Odiums tragen für Gesetze und Einrichtungen, denen die Deutschliberalen zustimmten und die theils dem Volke wirklich schädlich sind, theils von den antisemitischen Demagogen der urtheilsunsähigen Menge als schädlich dargestellt werden! Und selbst wer kein Antisemit ist, kann es nicht begreifen, warum die Deutschliberalen einem ihnen feindlichen Ministerium zur sogenannten Valutaregulirung hülfreiche Hand leisteten, zu einer Maßregel, deren Resultat vorläufig darin besieht, daß wir statt des bequemen Papiergeldes die schweren Silber- und Nickelmünzen von ebenso schwankendem Werth in unseren Portemonnaies tragen müssen und daß einige Banken und Bankiers ein hübsches Stück Geld verdient haben. Unter diesen befanden sich auch einige Juden, und das genügt den Antisemiten, um die selbst von vielen jüdischen Geschäftsleuten mißbilligte Valutaregulirnng als jüdische Spekulation zur Ausbeutung des Volkes darzustellen. Achnlich geht es mit der sogenannten Stadterweiterung — der Vereinigung der Wien umgebenden Ortschaften mit der Hauptstadt — die sowohl den alten Stadttheilen als den neuen nur größere Kosten verursacht, vorläufig aber keinen Vortheil gebracht hat. Dies wird von den Antisemiten mit großem Geschick zu Ungunsten der Liberalen ausgebeutet und als jüdische Spekulation dargcstellt. Dazu kommt noch, daß in diesen Ortschaften schon früher die Zahl der Antisemiten verhältnißmäßig größer war als in der Stadt und so wird durch diese neuen Bürger die Zahl der antisemitischen Stimmen in Wien vermehrt.