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Im deutschen Reich · 1895-08-01 · Heft 2 (August 1895) · p. 51

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 2 (August 1895)
Article
Die Lage in Wien
Date
1895-08-01
Page
51 (sequence 6)
Language
German
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Die Lage in Wien. 51 Budapest, Prag, Lemberg haben einen großen Theil des Adels an sich gezogen, während die so sehr verbefferten Kommunikationsmittel die fremde Konkurrenz außerordentlich erleichterten. Und zu dieser Konkurrenz der Produkte kam noch die Konkurrenz der Produzenten — die starke Einwanderung von Czechen und von Juden aus den östlichen Provinzen. Mit dem größeren Fleiß, der Mäßigkeit, der niedrigen Lebenshaltung und der geschmeidigen Gesckäftskenntniß der Juden kann der behäbige, an das Phäakenleben gewohnte Urwiener nur schwer konkurriren. Er würde sich vielleicht zu größerer Arbeitsamkeit, zu rationellerem Geschäftsbetrieb aufraffen, wenn seine Führer oder vielmehr Verführer ihm nicht beständig einredeten, daß einzig und allein die Juden an dem Niedergang des Wiener Gewerbes die Schuld tragen. Wozu soll er sich anstrengen, sich Kenntnisse mühsam erwerben, ein paar Glas Bier täglich weniger trinken, wenn mit der Vertreibung der Juden und Wiedereinführung des alten Zunftwesens die goldene Zeit von selbst wiederkommen wird? Beinahe in gleicher Weise wie die Juden wurden die noch älteren Konkurrenten, die Czechen, von den Wienern angefeindet und verspottet, und werden es noch von den Deutschnationalen. Freilich, eine Beschränkung der bürgerlichen und politischen Rechte der Czechen wagt man nickt zu beantragen; aber wenn es nach dem Sinn der Partei Schönerer ginge, möchte man ihnen, wie den Juden, die Einwanderung nach Wien verbieten. Dagegen vertragen sich die meist gut katholischen Wiener Czechen sehr gut mit den Christlichsozialen, und wenn es gegen die Juden geht, verschmähen selbst die „strammsten Deutschen" nicht eine Allianz mit ihnen. Es gab eine Zeit, da in Oesterreich Deutschthum und Liberalismus fast synonym waren. Die Juden waren liberal, weil sie nur vom Liberalismus eine Besserung ihrer Lage erwarten konnten; sie waren deutsch in Folge Jahrhunderte langer Gewohnheit und Erziehung; sie sprachen deutsch, wenn auch schlechtes Deutsch, selbst in Ungarn und Galizien, und mancher galizische Jude war ganz überrascht, in Oesterreichisch - Italien Juden zu finden, welche kein Deutsch verstanden. So waren sie die geborenen Alliirten der deutschen Liberalen und hielten treu zu ihnen, selbst als sie von ihnen in Galizien den Polen ausgeliefert wurden; hielten und halten noch jetzt zu den Deutschen in Böhmen

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