Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 2 (August 1895)
- Article
- Die Lage in Wien
- Date
- 1895-08-01
- Page
- 50 (sequence 5)
- Language
- German
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50 deutschen Reich. Juden anzustellen, aber die antisemitischen Blätter werden darüber Lärm schlagen und Skandal machen." — Und diese Furcht vor den Antisemiten äußert sich nicht blos bei einzelnen Anstellungen, sondern in der ganzen Politik der Liberalen. In den Gesetzen über die Sonntagsruhe, über die Ausverkäufe, über die Hausirer (letzteres noch nicht beschlossen), welche alle mehr oder weniger gegen die Juden gerichtet sind, haben sie den Antisemiten weitgehende Konzessionen gemacht. Bon den zwei Ministern, welche die Liberalen im Koalitions-Ministerium vertraten, hatte der Handelsminister Graf Wurmbrand sicherlich mehr Sympathien für die deutsch-nationalen Antisemiten, als Befähigung, das Ministerium des Handels zu leiten, und dem Edlen von Plener lag sein Portefeuille und was dran hängt, mehr am Herzen, als die Gleichberechtigung der Juden. Als die Antisemiten, von der Taaffe'schen Regierung ungehindert, offen zur Boykottirung der Juden aufforderten, da hat auch Plener die darüber an die Regierung gerichtete Interpellation unterschrieben; Minister geworden, hat er anderthalb Jahre lang keine Zeit gefunden, sie zu beantworten. Vielleicht wird er jetzt in nicht ganz freiwilliger Muße und vor den Wahlen sich wieder daran erinnern. Bilden die Beaniten urid Lehrer — selbstverständlich giebt es unter ihnen ehrenwerthe Ausnahmen und wirklich freisinnige Männer — die Elitetruppe der Antisemiten, so liefert der kleine Gewerbestand das Hauptkontingent, den Kem des Heeres. Auch was diese zu eifrigen Anhängern der antisemitischen Führer machte, ist nicht schwer herauszusinden. Machen sich die Depression im 'Geschäftsleben, das Ueberwiegen des Arbeitsangebots, die überseeische Konkurrenz überall und in allen Branchen fühlbar, so treffen diese Nachtheile besonders stark den kleinen Handwerksmann, der ja ohnehin den fast aussichtslosen Kampf gegen die überlegene Maschinenarbeit zu führen hat. In früheren Jahren hatte das Handwerk in Wien wirklich einen „oldenen Boden und dabei brauchte man sich nicht besonders anzustrengen. Der Meister konnte Zeit genug für das Wirthshaus erübrigen, und das Zunftwesen schützte vor jeder ernsten Konkurrenz. Wien war das wirkliche Centrum des Reichs, der Wohnsitz vieler reicher adeliger Familien. Das ist nun in Folge des Ausgleichs mit Ungarn und der den Provinzen gewährten Autonomie ganz anders geworden.