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Im deutschen Reich · 1895-08-01 · Heft 2 (August 1895) · p. 49

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 2 (August 1895)
Article
Die Lage in Wien
Date
1895-08-01
Page
49 (sequence 4)
Language
German
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Die Lage in Men. 49 daß der Besiegte den neuen Mitbewerbern mehr grollt als den altbekannten und altgewohnten. Der Beamte mit seinem mäßigen Gehalt, der den gesteigerten Bedürfnissen und Preisen nicht ganz entspricht, sieht mit begreiflichem Neid auf den Aufwand, den ohne viele Mühe reich gewordene Börsianer treiben. Er sieht natürlich nur die Wenigen, deren Waghalsigkeit vom Glück begünstigt wurde, während die vielen aus der Börse zu Grunde Gegangenen im Dunkel verschwinden. Da das Börsentreiben am lebhaftesten in Wien ist und viele Juden dabei betheiligt sind, so trägt es viel zur Verbreitung des Antisemitismus unter den Beamten bei. Nun wetteifern Liberale und Antisemiten um die Gunst der Beamten, überbieten einander in Zusagen von Gehaltserhöhungen, besonders vor den Wahlen, in einer Weise, die, wenn es sich nicht um ganze Beamtenklassen, sondern um einzelne Personen handelte, als Stimmenkaufbetrachtet werden müßte. In diesemWettbewerb sind aber die Antisemiten den Liberalen „über", denn sie stellen auch Ausschließung der Juden von allen Aemtern aus ihr Programm, was die Liberalen nicht können. In der Praxis treiben sie es freilich nickt viel besser. Selbst als im Wiener Gemeinderath die Liberalen unumschränkt herrschten, wurde kaumeinJude im internen Dienst angestellt. Der niederösterreichische Landesausschuß hat eine liberale Majorität, stellt aber keine Juden an; dafür ist die Mehrzahl seiner Beamten antisemitisch. Als unter offener Verletzung der Verfassung von Bewerbern um einige Aemter die Beibringung des Taufscheins verlangt wurde, da waren es der Demokrat Dr. Kronawetter und die Jungczechen, nicht die Liberalen, welche zuerst darüber die Minister interpellirten. Hier sowie in der Interpellation über die „Nickte der Coalition" begnügten sich die Liberalen mit den nichtssagenden Erklärungen der Minister. Für die Nichtösterreicher mag zur Erklärung dienen, daß es sich in letzterem Falle um argen Nepotismus zweier Minister handelte. Die beiden Minister sind selbstverständlich unverfälschte katholische Arier, aber die bevorzugten Angestellten waren zumeist getaufte Juden, und so wurde auch dieser Fall von den Nacen- Antisemiten ausgebeutet. Von Liberalen oder Leuten, die für liberal gehalten werden wollen, kann man mitunter hören: „Ich macke keinen Unterschied zwischen den Konfessionen, ich würde keinen Anstand nehmen, einen

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