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Im deutschen Reich · 1895-08-01 · Heft 2 (August 1895) · p. 48

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 2 (August 1895)
Article
Die Lage in Wien
Date
1895-08-01
Page
48 (sequence 3)
Language
German
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48 Im deutschen Reich. lichen Heißhunger stürzten sich die Juden in die ihnen bis dahin verschlossenen Bahnen, und ich erinnere mich noch eines alten Juden, der sich trotz seiner Habsucht nicht vor Wonne zu fassen wußte, als sein Sohn als unbesoldeter Magistratspraktitant die Amtsmütze mit dem kaiserlichen Adler anlegen durste. Als Unbesoldeter hat er auch seine Laufbahn beschlossen. Nach der zweiten Emanzipation konnten schon mehr Juden von den neuen Rechten Gebrauch machen, und bei ihrem Fleiß, ihrer Nüchternheit und durchschnittlich guten Begabung konnten es manche bis zum Rathssekretär, ja sogar — zwei in ganz Oesterreich! -- bis zum Landesgerichtsrath bringen. Noch weniger können sie in den Verwaltungsämtern auf Avancement hoffen. Von den Stellen der Minister, Statthalter, Bezirksvorsteher und noch weiter hinunter sind sie faktisch ausgeschlossen. Selbst in dem viel freisinnigeren Ungarn stellten sich der Ueberlassung eines Ministerporteseuilles an einen Juden unübersteiglicke Hindernisse entgegen. Im Militärdienste ist es bisher nur einem oder zweien Juden gelungen, es bis zum Obersten zu bringen, obwohl in der österreichischen Armee gegen dreißigtausend Juden dienen. In neuerer Zeit wird den Juden der Eintritt in den Justizdienst überhaupt erschwert oder ganz unmöglich gemacht, denn — soll der bisherige Justizminister Graf Schönborn gesagt haben — sind sic einmal in den Beamtenstatus ausgenommen, so kann man es doch nicht vermeiden, sie nach der Anciennität zu befördern. Aber selbst die wenigen von Juden bekleideten meist subalternen Stellen reichen hin, um Neid zu erregen. Wird ein Jude befördert, so klagt der Uebergangene, „ein Jud ist mir vorgezogen worden", ohne zu bedenken, daß er seine Zurückstellung seiner eigenen Unfähigkeit oder dem geringeren Dienstalter zuzuschreiben hat, und daß, wenn der Jude nicht gewesen wäre, irgend ein Anderer die Stelle erhalten hätte. Es ist ja sehr bequem, für eigene Fehler oder Unzulänglichkeit Andere verantwortlich zu machen. So geht es in den Unterrichtsanstalten, wenn ein jüdischer Schüler ein besseres Zeugniß erhält als der christliche, wenn ein Jude zum Lehrer oder Professor ernannt wird. .Mit der Zulassung der Juden zu ihnen früher verschlossenen Laufbahnen ist eben die Zahl der Konkurrenten vermehrt worden, und es ist begreiflich.

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