Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 2 (August 1895)
- Article
- Die Lage in Wien
- Date
- 1895-08-01
- Page
- 47 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316604-2316606-2317346--00087-2317390- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Lage in Wien. 47 unter ihm steht, auf den er mit Stolz und Verachtung, mitunter auch mit Mitleid herabsehen kann. Tritt nun in den Verhältnissen des Niedrigerstehenden eine Veränderung ein, welche ihn dem bisher Höherstehenden gleich macht, so findet sich dieser verletzt und beleidigt, er haßt und beneidet den Emporgekommenen, obwohl seine eigene Lage dadurch nicht verschlimmert wurde. Neid und Haß treten aber in einem viel stärkeren Grade auf, wenn das Emporfteigen des Einen ursächlich oder auch blos zeitlich mit dem Sinken des Andern zusammentrifft, wenn der Emporkömmling über seinen Vordermann weit hinausgehoben wird, ihn auf der sozialen Leiter um einige Stufen überspringt. Und zu solcher Feindschaft bedarf es gar keiner Verschuldung des Emporgekommenen. Niemand wird behaupten wollen, daß die Neger in den Vereinigten Staaten von Nordamerika die Weißen ausbeuten und unterdrücken, daß sie sich der Herrschaft über die große Republik bemächtigen wollen. Und doch sehen wir, wie die Weißen in den, ehemaligen Sklavenstaaten die Neger mit Verachtung behandeln, ihnen die gesellschaftliche Gleichstellung verweigern, die gesetzliche Gleichberechtigung zu verkümmern suchen und zur Bedrückung noch die Verspottung hinzufügen. Der ehemalige Herr kann sich eben nicht mit dem Gedanken befreunden, daß der ehemalige Sklave nun sein gleichberechtigter Mitbürger ist. Vor einem Menschenalter, selbst vor einem halben Jahrhundert, war die Lage der Juden in Deutschland und Oesterreich freilich nicht so schlimm wie die der Neger, aber sie standen dcch aus der untersten Stufe der bürgerlichen Gesellschaft. Nicht blos der wohlhabende Bürger oder der Beamte — von dem Adel gar nicht zu reden — selbst der kleine Handwerker, das arme Bäuerlein fühlte sich als Christ hoch über den Juden erhaben. Und selbst wenn er den Juden wegen seines Reichthums beneidete, sagte er sich im Stillen oder auch laut „er bleibt doch ein Jude", und tröstete sich mit dem Gedanken, daß der Jude bei all seinem Reichthum weder Minister noch Erzbischof, ja nicht einmal unbesoldeter Amtsschreiber werden könne. Da ist nun seit der Emanzipation der Juden Vieles anders geworden; freilich in der Praxis viel weniger als in der Theorie, aber doch genug, um den Neid und Haß der früher Alleinberechtigten zu erregen. Mit dem nach langer Entbehrung begreif-