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Im deutschen Reich · 1895-08-01 · Heft 2 (August 1895) · p. 46

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 2 (August 1895)
Article
Die Lage in Wien
Date
1895-08-01
Page
46 (sequence 1)
Language
German
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46 Die Lage in Vien. großen geistigen Epidemien, welche zu gewissen Zeiten die Völker heimsuchen, haben mit den physischen das gemeinsam, daß sie wohl kein Volk und kein Land verschonen und überall dieselben wesentlichen Symptome aufweisen, in Einzelheiten aber wieder Verschiedenheiten zeigen, an dem einen Orte schwächer, an dem andern stärker auftreten, hier kürzer, dort länger verweilen. So bedarf es also zur wirksamen Bekämpfung einer Volkskrankheit nicht blos der Kenntuiß ihres Charakters und Ganges im Allgemeinen, sondem es müssen auch die örtlichen Bedingungen, unter denen sie mehr oder weniger sich entwickelt, die individuellen Dispositionen der von ihr Ergriffenen studrrt werden. Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß der Antisemitismus der Gegenwart als eine Volkskrankheit zu betrachten ist, für deren Verbreitung er Eine die zahlreich einwandernden Juden, der Andere den niedern Stand — nicht des Grundwassers wie bei der Cholera, sondern — der Volksbildung verantwortlich macht, während wieder schlechte Erwerbsverhältnisse, Neid und religiöse Intoleranz die individuellen Dispositionen zur Erkrankung bilden. Ich maße mir nicht an, ein Pettenkofer des Antisemitismus zu sein, aber ich will versuchen, das, was den Wiener Antisemitismus von dem allgemeinen unterscheidet, was ihm zu so üppigem Gedeihen verhalf, zu ergründen. Bevor ich jedoch auf die lokalen Verhältnisse eingehe, kann ich es nicht unterlassen, eine Wurzel des Antisemitismus im Allgemeinen bloszulegen, ohne damit behaupten zu wollen, daß es die einzige sei. Sie besteht, meines Erachtens, in dem allen Menschen mehr oder weniger innewohnenden Ehr- und Herrschbedürsniß. Jeder Mensch, stehe er noch so niedrig, möchte Jemanden haben, der

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