Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 1 (Juli 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-07-01
- Page
- 29 (sequence 3)
- Language
- German
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Amschau. 29 Der zahlreichen Strafanträge und aufgedrungenen Berichtigungen anscheinend müde geworden, befleißigt sich die antisemitische Presse in neuerer Zeit sichtlich größerer Vorsicht. Um nicht allzu häufig vor den eigenen Lesern (wie z. B. durch den Nachweis, uralte Kalenderwitze als neue Ereignisse dargestellt zu haben) compromittirt zu werden, verlegt sie den Schauplatz ihrer Hetzgeschichten neuerdings mit Vorliebe in so weite Ferne, daß der Sachverhalt sich nicht so leicht ermitteln läßt, wie bei den früher einzelnen in größerer Nähe wohnenden Juden angedichteten Sacken. Wenn man sich dennock die Mühe nicht verdrießen ließ, die eine ganze Reihe von antiseniitischen Blättern durchlaufenden sensationellen Geschichtchen auf ihre Richtigkeit zu prüfen, fand sich fast immer, daß diese hübschen pikanten Notizen (von den angeblick in Galizien stattgehabten massenhaften Güter-Licitationen, dem in der Nähe von Lublin wegen Wuchers verurtheilten Rabbiner, einem in Barcoli der Zertrümmerung eines Kruzifixes verdächtigen jüdischen Magazinverwalter, einem in Tunis wegen Kreuzigung einer Ratte verurtheilten Juden u. a. m.) entweder vollständig erfunden oder in gehässigster Weise entstellt und aufgebauscht waren. In anderen Füllen wurde irgend eine eines Frevels angeklagte Person ohne Weiteres zum Juden gestempelt, ein Verfahren, welches antisemitische Blätter im Vertrauen auf die Urtheilslosigkeit vieler ihrer Leser schon früher häufig eingeschlagen haben. So hatte dem Kaiserlich Deutschen Konsul in Colombo (Ceylon), Freudenberg, der „Antisemitische General-Anzeiger" seiner Zeit fälschlich nachgesagt, daß dieser „Jude und Millionär" ebensowenig wie sein jüdisches Comptoir-Personal die Kosten des Begräbnisses eines verunglückten deutschen Matrosen habe tragen wollen. Nachträglich stellte sich heraus, daß Konsul Frendenberg weder Jude ist, noch von Juden stammt, daß er zur Zeit jenes Vorfalls sich in Europa aushielt und daß damals unter seinem Comptoir-Personal sich auch nicht ein einziger Jude befand. Zu den wenigen antisemitischen Blättern, welche solche Vorsicht, den Schauplatz ihrer Märcken nach Tunis oder Ceylon zu verlegen, in letzter Zeit außer Acht ließen, gehört der „Badische Volksbote". Der Redakteur dieses Blattes, Adolf Schwaiger, ließ sich sogar verleiten, die von dem Abwehr-Comits gesammelten Gutachten zahlreicher wissenschaftlicher Autoritäten über die Lchächtfrage als