Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 1 (Juli 1895)
- Article
- Familien-Geschichten
- Date
- 1895-07-01
- Page
- 11 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Familien-Geschichten. 11 Ich habe Ihnen diese Geschichte einer einzelnen jüdischen Familie erzählt, nicht weil es meine Familie ist, auch nicht deßhalb, weil ich der Meinung bin, daß diese Geschichte an merkwürdigen Fügungen besonders reich wäre, sondern gerade weil sie in vielen Beziehungen typisch ist. So, wie an meinem Großvater und Vater, hat sich an sehr Bielen der Uebergang vom jüdischen zum deutschen National - Bewußtsein vollzogen, ohne daß die Treue für den Glauben darunter irgendwie gelitten hätte. Und typisch ist ja leider auch, daß mein Vater nicht werden konnte, was er wollte: Historiker, sondern Arzt, und der Sohn nickt Philolog und dann auch nicht Beamter. Ich spreche dies wahrlich nicht deßhalb aus, um mick etwa als Märtyrer aufzuspielen. Ich habe keinerlei Grund dazu; der Berus des Schriftstellers befriedigt mich; ich gehöre nicht zu Jenen, die ihrer Glaubenstreue oder — nennen wir's bei einem Flamen, der für Alle gilt, wie immer sie sich innerlich mit den höchsten Fragen abfinden mögen — ihrem Charakter das schwere Opfer ihres Lebensglücks bringen müssen. Aber dieser Unglücklichen — wer vermag sie zu zählen? — bitte ick Sie zu gedenken und stets die Pflickt zu üben, die sich aus der Betrachtung ihrer Sckicksale ergiebt. Diese Pflickt ist, immer und immer wieder auszusprechen: „Was ihnen widerfuhr, was Anderen Gleiches widerfährt, ist Unrecht!" Alan sagt, durch Reden wird's nickt bester! Doch, meine ich. Aber angenommen, cs würde dadurch nicht bester, dürsten wir deßhalb schweigen? Wer Unrecht sckweigend duldet, versündigt sich an dem Recht nicht minder, als wenn er Unrecht thäte. „Unglückliche" habe ich die Männer genannt, die aus Charakterfestigkeit aus jenen Beruf verzichten müssen, für den sie nach ihrer und Anderer Ueberzeugung am besten taugen. Und doch preise ich sie glücklicher als Jene, die ihren Charakter opfern, um dies und das zu werden. Sie sind glücklicher, denn Untreue gegen sich selbst muß selbst einer leichtlebigen Natur etwas furchtbares sein. Wir hören heute unendlich oft: „Die Angehörigkeit zum Judenthum ist ein Unglück!" Und wie dies in Zeiten des Drucks üblich ist, hallt es zur Erwiderung aus einem anderen, freilich kleinen Kreise: „Die Angehörigkeit zum Judenthum ist ein Glück." Ick aber meine: es ist ein Sckicksal; ob es ein Glück oder llnglück in, sein Schicksal trägt inan, und wendet es nur in° soweit, als es die Selbstachtung gestattet.