Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 1 (Juli 1895)
- Article
- Familien-Geschichten
- Date
- 1895-07-01
- Page
- 10 (sequence 4)
- Language
- German
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10 Im deutschen Reich. und Lessing. Als ihm spät ein Sohn geboren wurde, beschloß er, ihn für einen gelehrten Berus zu erziehen und bestimmte, daß er unter Gebildeten seine Heimalh finde. „3öic tief sich der Mann, der seine Jünglings« fahre in Frankreich verbracht, in seinen Mendelssohn, Lessing und Schiller hineingelesen, erweist der Umstand, daß er, obwohl alles Aeußerliche — die verwandtschaftlichen Beziehungen und die bessere Lage der französischen Juden — dafür und nichts dagegen sprach, doch gar nicht daran dachte, den Sohn nach Frankreich zu schicken, er sollte seine Heimath in Deutschland finden. Leitete ihn hierbei nur die Begeisterung für deutsche Kultur, so wurde der Sohn dank der Erziehung durch einen Hauslehrer aus dem Hannöver'schen und der Bildungs-Athmosphäre des Hauses auch in seinem Rationalgefühl ein Deutscher. Demgemäß wurde er als Student auf deutschen Hochschulen Mitglied der Burschenschaft, „einer der ersten jüdischen Studenten, die das schwarz-roth-goldene Band getragen", und wirkte, als er sich gegen den Willen des Vaters und die eigene Absicht, in Galizien niederlassen mußte, dort sein Leben lang im Sinne seiner nationalen und Kultur-Ideale. Dies Galizien vor 1848 war vor» dem Galizien von heute anscheinend grundverschieden, denn die Sprache der Verwaltung und der höheren Schulen war die deutsche, aber in die Tiefe ging die Germanisirung nicht; was da an ernster Arbeit für das Deutschthum geleistet wurde, war die Arbeit einzelner Männer, darunter vieler jüdischen Glaubens; sie begriffen, daß nicht staatlicher Zwang, sondern die deutsche Kultur ein einheitliches germanisirtes Oesterreich würde schaffen können. Unter diesen Männern war Dr. Heinrich Franzos einer der rastlosesten; „glühender kann Niemand sein deutsches Volk geliebt, die Größe Deutschlands ersehnt haben; sein Ideal war ein germanisirtes, freiheitlich regiertes Oesterreich als Vormacht eines geeinigten Deutschland." Daß die reaktionäre Tendenz der österreichischen Regierung, die imrner anwachsende föderalistische Strömung alle Früchte dieser Kulturarbeit vernichteten, darf nicht vergessen machen, daß und von wem sie einst geleistet wurde. Früh wurde dem Dichter vom Vater eingeprägt, daß er ein Deutscher und jüdischen Glaubens sei. „Nachdem mich mein Vater allabendlich, wie ermüdet er auch sein mochte, eine Stunde im Deutschen unterrichtet, sprach er mir bald von den deutschen Befreiungskriegen, bald von den Kämpfen der Makkabäer, von Hermann dem Cherusker unb den jüdischen Märtyrern zu Worms. So wuchsen mir Deutschthum und Judenthum thatsächlich zu einer Einheit zusam-.uen, von Beiden hörte ich nur das Edelste, was mich zur Begeisterung entflammen konnte." Diese Erziehung trug ihre Früchte. Als der Dichter 1867 vor die Wahl gestellt war, entweder auf ein Stipendium, das ihm sein Lieblingsstudium, die klassische Philologie, ermöglichen sollte, oder auf seinen Glauben zu verzichten, gab er das Stipendium ohne Schwanken preis und studirte Jura; ebenso zögerte er, da sich ihm auch in der Beamten-Lausbahn. seine Konfession hindernd in den Weg;u stellen drohte, nicht die juristische Karriere aufzugeben und sich zunächst durch mühselige journalistische Arbeit zu ernähren.— Die Schlußworte des Vortrags, die noch ungedruckr sind, seien hier wiedergegeben.